| |
15. Ausflug ins Tempethal.
Der nächste Tag war dem Besuch des altberühmten Tempethals gewidmet. Um halb 7 Uhr bestiegen wir die vor unserm Hotel wartenden Wagen, und fort gings, zunächst am Peneios entlang, dessen Strömung in dem tiefen fetten Erdreich hier eine Bresche reißt, dort Land anschwemmt, da von einer Regulierung des raschen, wasserreichen Stromes, der allein ganz Thessalien entwässert, natürlich keine Rede ist. Die fruchtbare Ebene, durch welche sich stellenweise Wiesen und Sumpfstreifen hinziehen, über die unsre Kutscher, um abzukürzen, flott dahinfahren, bietet nichts sonderlich Bemerkenswertes, mit Ausnahme vielleicht der künstlichen Hügel von kegelförmiger Gestalt, die hier und da zerstreut sind, und über deren Zweck und Bedeutung wir nicht recht ins Reine kommen konnten. Um so lieber ruhte das Auge auf dem Ossa und den majestätischen Formen des uns immer näher rücken den Olympos. Zeitweise wurde uns derselbe durch die Höhenzüge verdeckt, welche von Osten an den Peneios herantretend denselben von seinem gerade nach Norden gerichteten Lauf abdrängen, ehe er in nordöstlicher Richtung entschlossen dem Meere zueilt. Wir lassen diese Höhenzüge zur Linken liegen und streben zwischen ihnen und den rechts vom Ossa herantretenden Vorhöhen geradeswegs dem am Eingang des Tempethals gelegenen Chani von Babá zu.
Unterwegs stöbern wir ganze Dutzende von Landschildkröten, darunter sehr große Exemplare, die sich an den Rändern der zahlreichen Wassertümpel sonnen, aus ihrer trägen Ruhe auf; sie suchen im Wasser Schutz und schauen mit ihren kleinen klugen Augen hervorlugend den Störenfrieden nach. Eine von ihnen wollte ein Reisegefährte zu sich in den Wagen nehmen, sie bedankte sich jedoch für diese Ehre in ziemlich drastischer Weise. Jetzt sind wir auch dem Olymp erheblich näher gerückt, und es ist Zeit, sich ihn ordentlich anzusehen, ehe er durch seine an den Peneios herantretenden Vorberge sich wieder unsern Blicken entzieht. Einen einzigen hervorragenden Gipfel wies er für unsern Standpunkt nicht auf, vielmehr war es eine ganze Reihe von Spitzen, zwischen denen sich hell im Sonnenschein glänzende Schneefelder ausbreiteten, als ob da oben für die olympischen Götter ein großartiges Zeltlager aufgeschlagen sei. Jedenfalls hätten wir alle zwölf großen olympischen Götter, jeden in einem dieser Zelte, bequem unterbringen können. Auch die Boten des mächtigen Himmelsgottes, die Adler, umkreisten wie vor alters majestätisch den Götterberg, dessen Vorberge, südlich nach dem Peneios zu, jäh abstürzen. Auch der pyramidale Gipfel des weit niedrigeren Ossa erscheint von hier fast nach der Ebene zu vorgeneigt.
Blicken wir hinter uns, so erkennen wir im Süden deutlich die Mavrovouni (Kynoskephalai), rechts davon kommt der Othrys zum Vorschein und genau über die Minarets von Larissa hinweg der uns vom malischen Golf her wohlbekannte Tymphrestos. In Südwest und West heben sich die charakteristischen Linien der Pindoskette vom Horizont ab. Näher im Vordergrund sehen wir tief in das Thal des Xerias hinein, des letzten größeren von den kambunischen Bergen dem Peneios zuströmenden Nebenflusses; wir sehen es im Längsschnitt, so daß sich eine ganze Reihe von Bergkulissen, je nach der Entfernung verschieden abgetönt, hintereinanderschieben. So treten uns beim Rundblick in der weiten Ebene noch einmal all die Höhenmarken vor Augen, welche die konstruktiven Glieder der Gebirge Nordgriechen lands bilden, und der im Vergleich zu Mittelgriechenland und dem Peloponnes größere Maßstab der Entfernungen führt uns unmittelbar zu Gemüte, daß wir uns der kompakteren Basis der Balkanhalbinsel erheblich genähert haben.
Gegen 10 Uhr sind wir von dem Chani von Babá dem Eingange des Tempethales, nicht mehr weit entfernt. An den Abhängen des Olympos, die seine schneeigen Gipfel jetzt unserm Auge verdecken, erscheinen mehrere Dörfer; dort muß im Altertum auch die Stadt Gonnos gelegen haben, die den Paß beherrschte.
Τὰ Τέμπε (von τέμνω) heißt „die Einschnitte“ und bezeichnet sehr treffend die enge, 1½ Stunden lange Gebirgsschlucht, durch welche alle Gewässer der ganzen bergumlagerten thessalischen Landschaft zwischen Olymp und Ossa hindurch in Gestalt des Peneios ihren einzigen Ausweg nach dem Meere finden. Die Erinnerung daran, daß ganz Thessalien in der Urzeit einen großen See bildete, hat sich in der alten Überlieferung erhalten, und Seen wie die Boibeis können als Rückstände dieses gewaltigen Seebeckens betrachtet werden. Dahin gehört es auch, wenn Herodot (VII 130) dem Xerxes bei dessen Besuch des Tempethals die wahnwitzige Idee in den Mund legt, im Notfall durch Stauung des entwässernden Stromes ganz Thessalien wieder unter Wasser zu setzen, um so seine Unterwerfung zu erzwingen; ja durch diese Möglichkeit erklärt sich, grotesk genug, der asiatische Despot bei Herodot auch die geflissentliche Bereitwilligkeit, mit der ihm die mächtigen Aleuaden entgegengekommen waren. Einem Herrscher freilich, der den Hellespont überbrückte und den Athos durchstach, ist eine Idee wie die Stauung des Peneios am Ende wohl zuzutrauen.
Schon in früher Zeit mußte der großartige Gebirgsspalt und die Frage nach seiner Entstehung die Phantasie der Menschen beschäftigt haben. Vulkanische Kräfte sind, wie die Kegelform des Ossa beweist, in der Urzeit hier thätig gewesen, und so wurde hierher mit Vorliebe der mythische Kampf der olympischen Götter mit den Giganten verlegt, die den Pelion auf den Ossa türmten, um den Olymp zu erstürmen. Auch dem Herakles wird gelegentlich das Verdienst zugeschrieben, den Gewässern Thessaliens diesen Ausweg eröffnet zu haben. Jedenfalls aber hat die natürliche Erosionskraft des Wassers einen wesentlichen, viel leicht den wesentlichsten Anteil daran, daß diese weiten Gefilde der menschlichen Kultur erschlossen wurden. Die landschaftliche Schönheit des Thales tritt im allgemeinen bei den griechischen Schriftstellern der ältern Zeit weniger hervor als bei den Römern von der Kaiserzeit an, bei denen dieselbe sprichwörtlich wurde. Der Grund hierfür mag, wie Lolling vermutet, in den häufigen Durchzügen der römischen Prokonsuln mit ihren Heeren liegen, deren einer, L. Cassius Longinus, der Legat Cäsars, die Paßstraße restauriert und sich in einer Inschrift daselbst verewigt hat, die uns jedoch nicht zu Gesicht kam: L. Cassius Longinus procos. tempo munivit“. Sodann aber kommt der allgemeine sentimentale Zug jener Zeit hinzu, welcher sich für den Mangel freier politischer Bewegung durch liebevoll betrachtende Versenkung in die Natur entschädigte.

Der noch etwas breitere Taleingang
So waren denn, als wir uns dem Thaleingang näherten, unsere Erwartungen aufs höchste gespannt; allein sie wurden nicht enttäuscht. Gleich bei dem Chani von Babá, wo das Thal noch etwas breiter ist, empfing uns an den grünenden Ufern des Flusses die üppigste Vegetation, namentlich Platanen von nie gesehener Pracht und Weiden, von wuchernden Schlingpflanzen umrankt, und in all diese Herrlichkeit schmetterte ein zahlreicher Chor von Nachtigallen sein Frühlingslied hinein, doppelt erfreulich in dem sonst an Vogelsang so armen heutigen Griechenland.

Blick ins Tempethal (William Gell, 1805)
Noch etwas weiter dringen wir zu Wagen in das sich mehr und mehr verengende Thal vor. Hohe Felswände treten bald rechts, bald links, bald beiderseits an den Fluß heran, so daß die leidlich unterhaltene Fahrstraße manchmal halbwegs die Höhe des rechten Uferrandes erklimmen muß. An der unter hohen Platanen breit und reichlich hervorsprudelnden Quelle Kryologon machen wir halt und lassen die Wagen zurück, um unsere Wanderung zu Fuß fortzusetzen. Bald darauf öffnet sich rechts eine tiefe, wilde Seitenschlucht; ein hoher isolierter Felsklotz starrt als Eckpfeiler trotzig in die Luft und trägt die Ruinen eines Thores, das von einer im Mittelalter hier angelegten Befestigung, dem sogenannten Kastro täs Oräas, übriggeblieben ist. Dort muß aber schon im Altertum eine Befestigung gelegen haben, die den Eingang in die Seitenschlucht sperrte. Heiß scheint die Sonne in den Spalt des Hauptthales hinein, nur unten am Fluß, wo die Platanen bald ihre niederhangenden breiten Äste ins Wasser tauchen, bald schräg aus dem Wasserspiegel hervorragen, bald auch brückenartig ihre mächtigen Stämme über die gelbe Flut erstrecken, die gurgelnd und wirbelnd unter ihnen dahinzieht, ist willkommne Kühlung. Jenseits steigen die Felswände des Olymp, von Fichten gekrönt, terrassenförmig auf, und im hellen Sonnenschein erglänzt der gelb oxydierende Kalkstein, von dem sich dunkle Höhlungen unheimlich abheben, das Obdach weltfremder Eremiten. Diesseits sind die Abhänge des Ossa mit immergrünem Buschwerk bekleidet, und Klematis, wilder Wein und Epheu rankt üppig an den Felsen empor. Der Lorbeer jedoch soll nur noch vereinzelt gefunden werden, während doch gerade dieser in der Sage eng mit dem Peneios verknüpft ist. Die liebliche Tochter des Flußgottes, Daphne, flieht spröde vor der Verfolgung Apollos, der dort weilt, um wegen der Erlegung des Drachen Pytho entsühnt zu werden, und wird in einen Lorbeerbaum verwandelt. Einen Lorbeerzweig in Händen, einen Lorbeerkranz auf dem Haupt, zieht der Gott nach Delphi, um den Besitz der Orakelstätte anzutreten. Von dem Altar des Gottes, zu dem alle 8 Jahre zum Andenken an dies Ereignis eine delphische Festgesandtschaft wallfahrtete, ist heute nichts mehr vorhanden. Etwa eine Stunde, nachdem wir die Wagen an der ersten Quelle zurückgelassen, erreichten wir da, wo das Thal sich schon mehr öffnet, eine zweite, und gleich darauf eine noch schönere dritte Quelle; ihr Abfluß bildete unter einem ganz von Epheu übersponnenen Fels ein tiefes Bassin, dessen dunkler, klarer Spiegel uns träumerisch ansieht wie ein tiefschwarzes Menschenauge, mit dem der Grieche so gern eine Quelle vergleicht. Ein Baumstamm ist hinübergelegt, und die Kerben, die für das Einsetzen der Füße eingeschnitten sind, sind zu verführerisch, um nicht hinüber zu balancieren und zum Andenken an diese traute Stelle einen Epheuzweig abzulösen. In der Nähe am Ufer hatte unter mächtigen Platanen ein Kaffeewirt seine Bude aufgeschlagen, das idyllischste Kaffeehaus, das ich je auf Gottes Erdboden gesehen. Zu der Idylle gehörten auch ein paar Schweine, die in dem fetten Waldboden herumstöbernd sich ihre Nahrung suchten.

Brücke am Ausgang des Tempetals
Nun wird das Thal plötzlich breiter. Ein Wachthaus und einige Wachtposten erinnern uns, daß wir uns hier nahe der türkischen Grenze befinden. Auf einer schmalen, aber in bestem Zustand befindlichen Holzbrücke, an der ebenfalls ein Posten steht, gelangen wir auf das linke Ufer und erklimmen einen Hügel, um einen Ausblick auf die See zu gewinnen. Die Tageszeit war für eine klare Fernsicht nicht günstig, aber jenseits des grünen Schwemmlandes, durch welches der Strom in großen Windungen dahinzieht, erblicken wir den grauen thermäischen Golf, dahinter die Halbinsel Pallene und endlich am fernsten Horizont in schwachen, aber vollkommen sichern Umrissen die stolze Pyramide des Athos, jetzt τὸ ἅγιος ὄρος, der heilige Berg, genannt. Zwar wurden Zweifel laut, ob es wirklich der Athos sein könne, doch war ein Irrtum nicht möglich. Denn einmal stimmte die Richtnng ganz genau, und dann befanden wir uns in Luftlinie nicht ganz 150km von der Athosspitze, während der Radius der Aussichtsweite des 1935m hohen Berges 167 km beträgt; zudem befanden wir uns auf unserm Standort noch beträchtlich über dem Meeresspiegel. Ist doch der Athos bei klarem Wetter in der ganzen Nordhälfte des ägäischen Meeres vom Verdeck des Schiffes aus sichtbar, von der Westspitze von Lesbos an bis zur Nordküste Euböas.
In der Richtung über den Athos hinaus lag auch Konstantinopel, die πόλις wie der moderne Grieche schlechtweg sagt, und nach der sein geistiges Auge sehnsüchtig ausschaut als nach der Hauptstadt des einst alle Küsten des ägäischen Meeres umfassenden hellenischen Zukunftsreiches. Auch wir trugen uns mit einer Hoffnung, die später so schön in Erfüllung gehen sollte, als Abschluß unserer Reise die Märchenpracht Stambuls bewundern zu dürfen, und blickten so mit eigenen Gefühlen vom nördlichsten von uns in Griechenland er reichten Punkt nach dem östlichsten, den die meisten unter uns überhaupt je erreicht haben und erreichen werden.
Auf dem Rückwege ließen wir noch einmal das ganze Bild dieser großartigen Thalschlucht an uns vorüberziehen. Was derselben einen so eigenartigen Reiz verleiht, wurde uns jetzt klar: es ist die wunderbare Vereinigung der imposanten Felspartieen mit der lieblichen Thalsohle, die innigste Verschmelzung der landschaftlichen Idylle mit grotesker Romantik. In solchen stillen Betrachtungen wurden wir plötzlich durch eine Reiterpatrouille von fünf Mann gestört, die der um unsre Sicherheit besorgte Gouverneur von Larissa uns nachgesandt hatte, da hier in der Nähe der türkischen Grenze das alte Räuberunwesen noch nicht ganz unterdrückt zu sein scheint; andre sechs erwarteten uns bei unsern Wagen an der ersten Quelle, wo Mittagsrast gehalten werden sollte. Die im übrigen sehr schmucken und artigen Leute hatten den Befehl zum Abreiten so plötzlich erhalten, daß sie weder für sich noch für ihre Pferde Proviant hatten mitnehmen können, und waren nach dem 35km starken Ritte ziemlich erschöpft. Man gab ihnen Geld, um sich im Chani von Babá zu erfrischen, und als wir dann von dort abfuhren, begleiteten sie uns noch eine Zeitlang und zeigten uns ihre Reitkünste, indem sie im Galopp durch das Blachfeld dahinstoben.
Unsere Kutscher hielten diesmal mehr links, den Ausläufern des Ossa zu, wollten aber schließlich doch noch ein Stück abkürzen und fahren wieder durch den Sumpf. Der Rosselenker unseres Wagens benahm sich dabei nicht gerade sehr geschickt. Er fährt bis an den Rand des Sumpfes im Schritt und dann erst scharf zu, sodaß wir natürlich elendiglich im Sumpfe stecken bleiben. Beim Versuch, das Gefährt wieder flott zu machen, bricht das Geschirr des einen Pferdes, so daß wir, um den Wagen zu erleichtern, auf dem Rücken eines ledigen Pferdes das feste Land zu gewinnen suchen. Ein andrer energischer Kutscher holt endlich mit einem andern Gespann den Wagen heraus. Er hatte zu diesem Zweck die Schnabelschuhe und die knallroten Strümpfe abgelegt, und während er nun wieder Toilette macht, fährt er auf den ungeschickten Kollegen so wütend los, als ob er ihn auffressen wollte, ein sehr possierlicher Anblick. Immerhin hatte uns das Abenteuer länger aufgehalten, als uns lieb war, und es war schon tiefe Dämmerung, als die Minarets von Larissa‐Jenischeher wieder vor uns auftauchten. In den staubigen Straßen der äußern Stadt aber begrüßte uns eine Schar von Griechenjungen mit dem lauten Ruf: Ζήτω ἡ Γερμανία, es lebe Deutschland!
|