BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Brandt

1861 - 1932

 

Von Athen zum Tempethal.

Reiseerinnerungen aus Griechenland

 

1894

 

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16. Von Volo und Chalkis nach dem Piräus.

 

Am nächsten Morgen 8 Uhr fahren wir von Larissa nach Volo ab. Im Grunde sind wir froh, der schmutzigem wenig einladenden Stadt den Rücken kehren zu dürfen nnd freuen uns auf das saubere Volo. Doch ist der Himmel bewölkt und bald stellt sich Regen ein, so daß es in Volo angezeigt erscheint, nicht auf ein größeres Schiff zu warten, sondern gleich mittags um 1 Uhr mit einem kleinen Dampfer, der „Margarita“, die uns bis zum Abend des nächsten Tages nach dem Piräus zu bringen verspricht, die Rückfahrt anzutreten.

 

Volos

 

Leider verhüllt der Regen diesmal die Aussicht auf den weiten bergumsäumten Golf, doch hellt es sich später auf, so daß selbst die Ossaspitze mehrfach zum Vorschein kommt.

Unter den Passagieren machten wir die Bekanntschaft eines Italieners, dessen Schicksal uns einige Teilnahme einflößte. Seines Zeichens Steinmetz, hatte er fünf Jahre als Unternehmer an der Schwarzwaldbahn bei Triberg gearbeitet und, wie er sagte, viel Geld verdient, dann aber durch einen Konkurs bei einem Bau in Sachsen wieder alles verloren. Nun gehe er an die neue Bahn bei Lamia, um unter seinem Bruder, der dort Unternehmer sei, als Aufseher sein Brot zu verdienen.

Weniger imposant als die Einfahrt gestaltete sich diesmal die Ausfahrt aus dem pagasäischen Golf; an Kap Stavro fahren wir fast auf Steinwurfweite vorbei, überhaupt fällt die ganze Küste so steil ins Meer ab, daß unser Fahrzeug bei seinem geringen Tiefgang sich oft ganz hart am Ufer halten konnte. Wir befanden uns jetzt wieder in den Gewässern, in denen die Seekämpfe von Artemision ausgefochten wurden, und, den Herodot in der Hand, suchten wir uns auf Deck über die einzelnen in Betracht kommenden Punkte zu orientieren. Jenseits der Meerenge lag der flache Strand der Nordküste Euböas, der von einem Heiligtum der Artemis den Namen Artemision führte. Die Fundamente dieses Tempels hat nun Lolling glücklich entdeckt.

Zu unsrer Linken mußte Trikeri, das uns bei der Einfahrt so freundlich begrüßt hatte, das alte Ἀφέται sein. Herodot berichtet (VII 193), daß die persische Flotte, nachdem sie sich vom Sturm am Pelion erholt, um die Spitze von Magnesia herumgebogen und geradeaus in den auf Pagasä zuführenden Golf (ἐς τὸν κόλπον τὸν ἐπὶ Παγασέων φέροντα) gesegelt sei. Dort liege auf Magnesia der Ort Aphetä, wo die Argonauten gelandet seien, um Wasser einzunehmen, ehe sie auf die hohe See fuhren: ἐνθεῦτεν γὰρ ἔμελλον ὑδρευσάμενοι ἐς τὸ πέλαγος ἀφήσειν, daher der Name Ἀφέται.

Nun befindet sich dort bei Trikeri nach Aussage des Kapitäns der Margarita eine größere Bucht, die einzige mit gutem Trinkwasser; hier also wird das Gros der persischen Flotte vor Anker gegangen sein, die übrigen Schiffe mögen in den andern kleinen Buchten Unterkunft gefunden haben. Wichtig ist auch, daß die Perser, wenn sie hier lagen, von Artemision aus gesehen werden konnten. Daß endlich Aphetai an einem vorspringenden Kap gelegen haben muß, geht daraus hervor, daß die Trümmer der gescheiterten Schiffe durch die Strömung dort ans Land getrieben wurden, wie dies z. B. nach der Schlacht bei Salamis am Kap Kolias geschah. Übrigens wurde die nur mit Mühe und unter schweren Verlusten gegen die überlegene persische Flotte gehaltene Stellung sofort bedeutungslos, als die Nachricht vom Fall der Thermopylen eintraf, auch scheinen die Griechen, was zur der Wahrheit hinzugefügt werden muß, keineswegs die Bravour bewiesen zu haben, die ihnen Herodot gerne nachrühmen möchte. Scheint doch auch die persische Flotte lange nicht an Zahl so überlegen gewesen zu sein, daß es der von Herodot mit großer Phantasie ausgeschmückten Stürme nnd Schiffbrüche bedurft hätte, um ihre Zahl der der griechischen anzunähern.

Die Nacht war hereingebrochen, als wir wieder in den malischen Golf einliefen, um auf der Reede von Stylida zu ankern. Die Hauptladung, die dort an Bord genommen werden sollte, bestand in Hammeln, deren eine heransegelnde Barke nicht weniger als 100 enthielt. Lautlos und gespenstig, wie der fliegende Holländer, glitten die Barken heran, und die flackernden Öllampen warfen ihr unsicheres rötliches Licht auf die seltsam, fast räubermäßig aussehenden Menschen, welche die armen Tiere wie leblose Gegenstände unbarmherzig faßten und in den dunkeln Schiffsraum hinunterwarfen; denn der Grieche kennt kein Erbarmen mit seinem Vieh. Und lautlos und gespenstig, wie sie gekommen, glitten die Barken mit ihren großen Segeln wieder von dannen.

Es mochte wohl 10 Uhr abends sein, als das Schiff die Anker wieder lichtete und seinen Kurs nach dem Euripos nahm. Als ich am andern Morgen erwachte und es hieß, wir seien in Chalkis, sprang ich so rasch als möglich aus meiner Koje und eilte auf Deck. Ich kam eben noch zeitig genug, um zu sehen, wie unser Schiff die überaus schmale Enge des Euripos passierte. Eigentlich sind es deren zwei, die ein kleines Felseninselchen trennt, doch ist die westliche Enge kaum als solches zu erkennen, da sie durch eine feste steinerne Brücke von zwei Pfeilern mit dem Festland verbunden ist. Die östliche ist nur 40 Schritt breit, so daß, als wir sie durchfuhren, die Nähe des Landes fast beängstigend wirkte. Augenblicklich war man damit beschäftigt, die alte Holzbrücke durch eine eiserne Drehbrücke zu ersetzen und gleichzeitig dass Fahrwasser etwas zu erweitern. Da unser Schiff hier einen anderthalbstündigen Aufenthalt machte, um Kohlen einzuneh men, so hatten wir Zeit genug, ans Land zu gehen und die Arbeiten am Euripos sowie Chalkis selbst uns anzusehen.

 

Chalkis

 

Chalkis macht mit seinen alten zinnengekrönten venezianischen Mauern, die teilweise vom Meer umspült werden, einen eigenartigen, man kann fast sagen stolzen Eindruck. Hinter der Mauer verschwindet die Stadt fast ganz, nur noch ein paar Minarets ragen hervor, sowie eine auf einem Hügel hinter der Stadt sich erhebende Moschee. Gegenüber auf dem Festlande trägt ein vorspringender Hügel das Kastell Kara‐baba.

Bei der Besichtigung der Arbeiten am Euripos zeigen sich hinter den venezianischen Mauern, die den Sund noch mehr verengen, jetzt beim Neubau noch die antiken Quader. Ursprünglich war der Euripos breiter und offener, bis im Jahre 411 die Euböer, damit die Schiffe der Athener ihnen nicht mehr die Verbindung mit dem Festland abschneiden konnten, durch Anschüttungen den Sund verengten und eine befestigte hölzerne Brücke anlegten.

Die merkwürdigen, schon im Altertum berühmten heftigen Wechselströmungen des Euripos sind so stark, daß kein Schiff es wagen kann, gegen die gerade herrschende Strömung den Sund zu durchfahren, es liefe sonst Gefahr, von derselben gefaßt und zur Seite ans Land geschleudert zu werden. So mußte damals gerade selbst ein russisches Kriegsfahrzeug, das nach dem Norden ging, vor der Enge den Wechsel der Strömung abwarten. Diese Wechselströmungen bieten ein so interessantes Problem der geographischen Naturwissenschaft, daß es sich verlohnt, hier näher auf sie einzugehen.

Sie stehen mit der geographischen Beschaffenheit der durch die Meerenge verbundenen Gewässer in innigstem ursächlichen Zusammenhang. Diese ist nun eine völlig verschiedene. Denn während die nördlichen Gewässer, vom Euripos bis zur Straße von Oreos, durch ihre Abgeschlossenheit einem Binnensee gleichen, öffnen sich die südlichen Gewässer breit gegen das Meer und nehmen an dessen Pulsschlag teil. Infolgedessen durchziehen in der Zeit, wo der Wechsel von Ebbe und Flut am kräftigsten zur Entwicklung kommt, nämlich vor und nach dem Neumond, rasche Strömungen viermal binnen 24 Stunden, je nach dem Schwellen und Sinken des Wassers im Meer zwischen Euböa und Attila, ihre Richtungen wechselnd die Enge des Euripos.

Diese regelmäßigen, durch die Gezeiten des südlichen Beckens hervorgerufenen Strömungen werden nun zur Zeit des ersten und dritten Viertels, wenn die Anziehungskräfte von Sonne und Mond in verschiedenem Sinne wirken und der Wechsel der Gezeiten sehr gering ist, durch andre schneller wechselnde und nnregelmäßige Strömungen abgelöst, für die erst in neuerer Zeit ein französischer Gelehrter, Forel, eine Erklärung gefunden hat.

Seit langem nämlich haben die Schweizer an ihren Seen, namentlich an dem größten, dem Genfer See, periodische oscillierende Bewegungen, in der deutschen Schweiz Ruhß, in der französischen seiches genannt, beobachtet, die an den Ufern in einem wechselnden Steigen und Sinken des Wasserspiegels, in Einfahrten zu Seitenbuchten in einem wechselnden Zu‐ und Abströmen des Wassers sich bemerkbar machen, eine Erscheinung, für die eine sichere Erklärung allerdings noch fehlt. Betrachtet man nun aber das nördliche abgeschlossene Becken des Euripos als Binnensee, so müßte nach der für die seiches gefundenen Formel die Dauer der einzelnen Schwingungen in der Längsrichtung des Beckens zwei Stunden dauern, diese Schwingungen sich also binnen 24 Stunden zwölfmal wiederholen. Dies stimmt nun ganz auffallend zu der am Euripos beobachteten Zahl, die zwischen 11 und 14 binnen 24 Stunden schwankt, so daß sie sich also vortrefflich in jenes für die seiches gefundene Gesetz einfügen.

Die Stadt betraten wir durch das mit dem geflügelten venezianischen Löwen geschmückte Festungsthor nnd nahmen nach einem Gang durch die gerade aus dem Schlummer erwachenden Straßen — es war Sonntag — in einem eben erst geöffneten Kaffeehaus an einem Platz am Hafen eine Erfrischung. Dann gings zur mäßig sich erhebenden Burg hinauf, deren von den Venezianern errichtete, von den Türken seiner Zeit ergänzte Befestigungen zwar sehr malerisch aussehen, aber einen fortifikatorischen Wert heute nicht mehr haben. Interessant war der Blick hinab auf die vielfachen Verzweigungen der Meerenge, doch bedurfte es eines genauern Studiums der Karte, um sich in der verwirrenden Mannigfaltigkeit der sich überschneidenden Linien von Land und Wasser zurechtzufinden.

 

Aulis (Carl Rottmann, 1847)

 

Der anderthalbstündige Aufenthalt war bald verstrichen. Sehr schön war die Ausfahrt, und bald kamen wir durch eine zweite Enge in breiteres Fahrwasser und an dem durch die Sage geweihten Hafen von Aulis vorbei. Rechts springt ein steiniger, steil abfallender Hügel ins Meer vor. Nur ein schmaler Isthmus verbindet dies Vorgebirge mit dem Festland, und die Substruktionen der antiken denselben durchquerenden Mauer lassen keinen Zweifel, daß die Felshöhe das alte Aulis trug. Seine Festigkeit beruhte wohl hauptsächlich auf seiner felsigen Lage, und so erklärt sich am besten der homerische Beiname πετρήεσσα (Il. II 496), der auch dem unbefestigten, durch seine felsige Lage geschützten Delphi gegeben wird. Das Vorgebirge trennt zwei Hafenbuchten, eine größere und eine kleinere. In der kleineren bemerkten wir Schiffswerfte und einen Zweimaster, die größere greift in einem großen Halbkreis weit ins Land hinein und bietet einen sandigen Strand, der vorzüglich dazu geeignet ist, in antiker Weise die Schiffe ans Land zu ziehen.

Fanden also hier die 1000 Schiffe des Schiffskatalogs der Ilias (II 484—709) auch nicht in einer Linie Platz, so stand nichts im Wege, dieselben mehrere Linien tief anzuordnen, wenn man einmal an der in der Ilias angegebenen hohen Zahl festhalten will. Dort also lagen die Schiffe der Griechen, auf günstigen Fahrwind harrend, während landeinwärts die Zelte aufgeschlagen waren und die Rosse eine Weide fanden. Denn von der Bucht steigt ein grüner Wiesengrund sanft in die Höhe.

Dort, etwa 20 Minuten vom Hafen entfernt, erblicken wir von einigen Bäumen umgeben eine mit einer Kuppel geschmückte Kirche. Es ist die Kapelle des Hagios Nikolaos, welche, wie Ulrichs entdeckt hat, an die Stelle des alten Artemistempels getreten und teilweise aus alten Baustücken errichtet ist. Einige Schritte aufwärts entspringt, wie er berichtet, eine reiche Quelle, die einen jetzt vernachlässigten türkischen Garten wässert. Es ist die einzige Quelle, die vorhanden ist, dort also müssen die Altäre gestanden haben, wo die Griechen den Unsterblichen vollwertige Hekatomben opferten (Il. II 305 ff.), und sie floß hervor unter einer schönen Platane. Dort geschah auch das Wunderzeichen, das Kalchas auf die Dauer des Krieges deutete, wie auch die Opferung Iphigeniens daselbst stattfand.

Im Hintergrund überragt die ganze Scenerie ein hoher felsiger Berg, dessen Gipfel von einem Mauerring umzogen ist. Es ist die Akropolis des alten Mykalessos, das, wie aus Thukydides bekannt, im Jahre 413 von den für die sizilische Expedition zu spät gekommenen und deshalb unter Führung des Atheners Diitrephes wieder in die Heimat zurückkehrenden thrakischen Söldnern hinterlistig überfallen und zerstört wurde (Thuk. VII 29). Alles Lebendige ward von der wilden Horde niedergemacht, auch sämtliche Schüler der dortigen sehr besuchten Lehranstalt fielen ihrer Blutgier zum Opfer. Da von den Einwohnern niemand entrann, so wurde die Stadt nicht wieder ausgebaut, während das am Meere gelegene Heiligtum der mykalessischen Demeter auch später noch bestand.

Sobald Eretria mit dem im Hintergrunde sich erhebenden euböischen Olympos in Sicht kam, befanden wir uns wieder in Gewässern, die wir drei Wochen vorher auf einer unter Führung von Professor Dörpfeld unternommenen und bis Delos ausgedehnten Inselreise kennen gelernt hatten. Damals hatte unser großes schönes Schiff, die Byzantion, vor Eretria Anker geworfen, wir waren an Land gegangen, hatten das ausgegrabene Theater besucht und waren dann zur steilen Akropolis emporgestiegen, deren Mauern und Türme durch ihr festes polygonales Gefüge zwar dem Zahn der Zeit trotzen, nicht aber dem Brecheisen der Einwohner des am Strande liegenden Ortes Nea‐Psará. Und was das schlimmste ist und auf die politischen Verhältnisse Griechenlands ein sehr trübes Licht wirft, selbst der Bürgermeister (δήμαρχος) wagte nicht einzuschreiten. Warum? weil sonst die Bauern bei den nächsten Wahlen gegen die Regierung stimmen würden!

Dann waren wir nach Skala Oropú, der Landungsstelle des jetzt nur noch in Ruinen nachweisbaren, einst von den Athenern und Böotern vielumstrittenen Grenzortes Oropos hinübergefahren und nach der, 1¼ Stunden landeinwärts, in einem allerliebsten romantischen Thälchen eingebetteten, einst hochberühmten Orakelstätte des Sehers Amphiaraos gewallfahrtet, der auf der Flucht von Theben hier vor den Augen seiner Verfolger von der Erde verschlungen sein sollte. Sein Orakel war ein Traumorakel, das namentlich für körperliche Leiden aufgesucht wurde. Wir fanden natürlich nur Fundamente, doch gestatten die Ausgrabungen, sich ein klares Bild von der Anlage dieses Kurortes zu machen, dem weder Bäder noch Säulengänge noch ein Theater fehlten. So klein letzteres ist, ist es doch besonders wichtig dadurch, daß das Bühnengebäude mit den davor stehenden acht Halbsäulen zum Einschieben der Dekorationen im wesentlichen erhalten ist.

Von dort waren wir am nächsten Morgen nach Rhamnus weitergedampft, hatten die steil zum Meere abfallende Akropolis besichtigt und waren dann weiter aufwärts zu dem einst hochangesehenen Heiligtum der Nemesis, der Rhamnusia virgo, gepilgert, wo neben dem alten kleinen Tempel in perikleischer Zeit auf hoher Terrasse, vom Meere aus weithin sichtbar, ein neuer großartiger Tempelbau erstehen sollte, dessen Vollendung jedoch, wie so vieles andre, durch den Ausbruch des peloponnesischen Krieges unterbrochen wurde. Sehr merkwürdig war die gegenseitige Lage der beiden Tempel, denn die Längsachse des neuen Tempels war der des alten nicht parallel, sondern wich merklich ab. An dieser unschönen Verschiebung der Orientierung ist der Architekt sicherlich unschuldig. Es muß ein sakraler Grund vorgelegen haben. Denn da am Feste der Göttin die Strahlen der aufgehenden Sonne durch die offene Tempelthür das Götterbild treffen mußten, so brauchte im Lauf der Zeit nur eine kalendarische Verschiebung des Festes eingetreten zu sein, mithin die Sonne an diesem Tage an andrer Stelle aufgehen, um den Architekten zu der Verschiebung der Längsachse zu zwingen.

Alle diese Erinnerungen von der Inselreise her zogen heute wieder an unserm Geiste vor über; der euböische Olymp und, Chalkis gegenüber, das kegelförmige Messapion und der abgestumpfte Kegel des Hypaton begrüßten uns wie alte Bekannte. Auch das Kithäron‐, Helikon‐ und Parnesgebirge erkannten wir vom Schiffe aus.

Jetzt fuhren wir an der langgestreckten, durch einen im Meer sich verlaufenden Bergzug gebildeten Halbinsel Kynosura („Hundsschwanz“) vorbei, und alsbald eröffnete sich der Blick auf die marathonische Bai und aus die kleine bergumschlossene Ebene, für die das weitausgespannte Zeltdach des Pentelikon einen wirksamen Hintergrund abgab.

Damals waren wir hier in der Bucht vor Anker gegangen und in zwei Barken hatten wir trotz des hohen Seegangs den Strand erreicht, um von dem Sorós, dem Grabhügel der 192 gefallenen Athener aus, einen Überblick über den Schauplatz dieser denkwürdigen Schlacht zu gewinnen. Auch heute blieb das Auge lange an dem dunkeln Punkt haften, der den nicht eben hohen Hügel bezeichnete, und obwohl er etwa eine Viertelstunde landeinwärts liegt, schien er bei der Flachheit des Strandes sich unmittelbar am Ufer zu erheben. So bleibt die Grabstätte der tapfern Marathonkämpfer auch heute noch für den Vorübersegelnden ein Wahrzeichen althellenischen Ruhmes, ein σῆμα καὶ ἐσσομένοισι πυθέσθαι.

 

Grabhügel von Marathon.

 

Inzwischen hatte sich das Wetter aufgehellt, die Spitze des Ocha, der wie so viele einst dem Helios geweihten Gipfel jetzt Hagios Elias heißt, hob sich aus den Wolken, und während wir durch die blaue Meerflut an der grünbewaldeten Steilküste Attikas entlang fuhren, trat ein großer Teil der Kykladen nach und nach in den Gesichtskreis.

Die Bergketten Eubö as schienen durch Andros und Tenos fortgesetzt, und die Straße, die beide trennt, verschwand für das Auge völlig (wie es in den Persern des Äschylos V. 886 heißt Τήνωι τε συνάπτουσ᾽ Ἄνδρος ἀγχιγείτων,). Grün stieg Keos aus der See empor, dessen hochgelegene gleichnamige Stadt freundlich zu uns herüberschimmerte, und als wir an den Rauchschloten der auch heute wieder ausgebeuteten Bergwerke von Laurion vorbei uns Sunion näherten, traten hinter Keos auch Kythnos und Seriphos hervor, ja selbst der Gipfel des Hagios Elias auf Melos hob sich in weiter Ferne über den Meereshorizont. Auch nach Westen und Südwesten war der Blick unbeschränkt, Ägina, die ganze argolische Küste mit den vor gelagerten Inseln Poros und Hydria, denen sich die Halbinsel Methana zugesellte, lag vor uns, und in bläulicher Ferne verlief sich dahinter der Rücken des Parnon im Meer.

Nun winkten die weißschimmernden, sturmzerfressenen Säulen des Athenetempels von dem hohen Piedestal des trotzig ins Meer vorgeschobenen Felsenkaps von Sunion zu uns hernieder. Wir wußten von der Inselreise her, was es hieß, dort oben zu stehen; hatten wir uns doch damals vor der herrschenden starken Brise nur mit großer Mühe auf den Beinen aufrecht halten können. Auch heute sollten wir merken, was es mit diesen weit in die See hinaus sich erstreckenden Gliedern des griechischen Festlandes für eine Bewandtnis hat.

 

Athena‐Tempel auf Sunion (John Saddler 1787)

 

Denn kaum hatten wir Sunion passiert, als auch der bisher günstige Wind umschlug, uns entgegen. Tapfer kämpfte unsre kleine Margarita gegen Wind und Wellen an, sie konnte jedoch nicht hindern, daß der eine oder der andre dem Zorn des Poseidon erlag. „Welche Ähnlichkeit besteht zwischen der antiken Tragödie und der Seekrankheit?“ so fragte ein Witzbold unter uns, aber kaum hatte er die treffende Lösung des Rätsels gegeben: „Beide erregen Furcht und Mitleid, und es folgt ihnen die Katharsis,“ da erreichte den Spötter selbst die rächende Nemesis, an deren Tempel wir kurz vorher vorübergefahren waren, und unter dem homerischen Gelächter der von keiner Schwachheit Angewandelten beeilte auch er sich, über das Geländer gebeugt, die Macht des Erderschütterers demutsvoll zu verehren.

Noch schwerer aber als unsre Margarita hatten in dem hohen Seegang die kleinen Segler zu kämpfen, die unsern Kurs kreuzten und mit ihren weißen Fittichen sich immer wieder aus dem Wellenthal auf den Wellenberg hinaufzuarbeiten schienen, ein entzückender Anblick, der uns hier, angesichts seiner Heimat, wohl an den kleinen Hydrioten Wilhelm Müllers und seine Bravour erinnern durfte. Geradezu unheimlich beleuchteten die Strahlen des in goldigem Duft verschwimmenden Tagesgestirns die vom Seewasser zernagten, von der Brandung gepeitschten gelben Kalkfelsen der attischen Steilküste, der Akte, während in unendlichem Wechselspiel die wie grünliches Silber schimmernden Wogen ihre schäumenden Kämme in Millionen schillernder Tautropfen verspritzten.

 

Athen (1891)

 

Schon hatten wir den Kegel des attischen Olympos passiert und waren auf der Höhe von Kap Kavouras, halbwegs zwischen Sunion und dem Piräus, angekommen, da schob sich auf einmal, freudig von allen begrüßt, die so wohlbekannte Akropolis mit den ragenden Säulen des Parthenon im Glanz der Abendsonne hinter den Bergen hervor, die der Hymettos nach dem Meere zu entsendet; erst von hier aus konnte also der Athener der klassischen Zeit, wenn er nach langer Seefahrt von Sunion her (ἀπὸ Σουνίου προσπλέουσιν, Paus. I 28) sich der Heimat näherte, den Helmbusch und die vergoldete Lanzenspitze der ehernen Athena Promachos auf der Burg gewahren. Auch uns war es, als kehrten wir nach langer Wanderung aus der Fremde wieder in die alte, liebgewordene Heimat zurück. Es war dunkel, als wir zwischen dem roten und grünen Licht in den Piräus einfuhren, aber bald war ja das Ungemach der nächtlichen Ausschiffung überstanden, bald waren wir ja wieder in Athen und überdachten beim purpurnen Samier dankbaren Herzens die Erlebnisse dieser unvergeßlichen Fahrt zum Olympos.