BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Brandt

1861 - 1932

 

Von Athen zum Tempethal.

Reiseerinnerungen aus Griechenland

 

1894

 

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14. Von Volo nach Larissa.

 

Nach Tisch wurde die Eisenbahnfahrt nach Larissa angetreten. In der Nähe des Bahnhofs trat uns auch zum ersten Male das türkische Element entgegen, das wir am Abend in Larissa noch ausgiebiger kennen lernen sollten. Eine ganze Horde türkischer Jungen vertrieb sich in einem Garten mit allerhand Spielen und Scherzen die Zeit, während langbärtige alte Türken in ihrem langen Kaftan gemessen einherschritten.

Volos: Der Bahnhof um 1890

 

Um 2 Uhr 25 Min. Abfahrt bei schönstem Wetter. Die Bahn steigt sogleich stark, um über den Paß von Pilav‐tepe (d. i. „Reisbreihügel“, nach einer künstlichen kegelförmigen Bodenerhebung so benannt) die untere thessalische Ebene, die alte Pelasgiotis, zu gewinnen, die sich bald vor uns ausbreitet. Und da wir an die verhältnismäßig kleinen Landschaften des Peloponnes und Mittelgriechenlands gewöhnt waren, schien uns die weite sich nach Nordwest öffnende Ebene schier unermeßlich.

Die erste bedeutendere Station ist Welestino, dessen Umgebung durch seinen Wasserreichtum und die dadurch bedingte üppige Vegetation, namentlich frischgrüne Eichen, einen besonders erfreulichen Eindruck machte. Es ist das alte Pherä, dessen Tyrannen Jason es einst fast gelungen wäre, die ein Menschenalter später von Philipp von Makedonien gespielte Rolle vorwegzunehmen und Thessalien zur hellenischen Vormacht zu machen. Sein Auftreten ist für Philipp auch darin vorbildlich zu nennen, als er die alten Verbindungen Thessaliens mit dem delphischen Orakel zu benutzen gedachte, um sich in die innern Händel der griechischen Staaten einzumischen. Da machte seinen hochfliegenden, von Klugheit und Thatkraft unterstützten Plänen ein Mordanschlag gerade in dem Augen blick ein Ende, als er unter Entfaltung königlicher Pracht an den Phthien des Jahres 370 teilnehmen wollte, und das kaum in eine starke Hand zusammengefaßte Thessalien verfiel wieder in den frühern Zustand der Zersplitterung, bis es eine Beute der Makedonier wurde. Heute zweigt in Welestino die Bahn in die obere thessalische Ebene nach Phersala, Karditsa und Trikkala ab.

Jetzt wird, indem wir weiter abwärts fahren, hinter uns auch die höchste Erhebung des breiten, in seinen Formen wenig charakteristischen Rückens des Pelion sichtbar; um so charakteristischer aber tritt vor uns die regelmäßige Kegelform des Ossa hervor, der das Beiwort ἀρίδηλος „leicht kenntlich,“ das ihm ein alter Lyriker giebt, vollauf verdient. An seiner Nordseite scheint er noch Schnee zu haben, wenigstens ist ein weißer Schneerand sichtbar. Zwischen Pelion und Ossa heben sich die beide Gebirge verbindenden Mavrovouni, die „schwarzen Berge“, ihrem Namen entsprechend als dunkle scharf umrissene Masse ab, während der Boibe‐See nur als schmaler blauer Streifen erkennbar ist.

Auch der niedrigere Gebirgszug zu unserer Linken trägt den selben Namen Mavrovouni, türkisch Kara‐dag; die drei am meisten hervortretenden Kuppen führten im Altertum den Namen Kynoskephalai und erinnern uns an die Entscheidungsschlacht des zweiten makedonischen Krieges zwischen Philipp V. und dem Konsul Flamininus im Jahre 197. Aber mit der Freiheit von des römischen Senates Gnaden, die Flamininus an den isthmischen Spielen unter ungeheurem Jubel den hellenischen Staaten verkündigte, wußten diese nichts mehr anzufangen.

Schon lange hatten wir mit großer Spannung, ja fast Sehnsucht ausgeschaut nach dem Endziel unserer Fahrt, zugleich der nördlichen Grenze des heutigen Griechenlands, nach dem heiligen Olympos. Da, bei einer Biegung der Bahn, erschien er in bläulicher Ferne, aber klar und deutlich, hellblinkend im Strahl der Sonne, der vielgipflige schneebedeckte Götterberg. Nicht ohne innere Bewegung vermochte ich den Berg zu schauen, den Inbegriff alles dessen, was es für den gläubigen Hellenen Hohes und Heiliges gab. Es war, als ob er uns unwiderstehlich zu sich zöge, und kaum warfen wir noch einen Blick aus die einförmige, wohl mit Getreide angebaute Ebene, die aber auch hie und da Weidestrecken aufwies, oder auf den Othrys in unserm Rücken, dessen Gipfel sich jetzt wieder hinter den Bergen von Kynoskephalai hervorhob. Nur im Westen schienen in weiter Ferne die bald wunderlich gezackten, bald gerundetem sich scharf am Westhimmel abzeichnenden Linien der schneebedeckten Pinduskette der Aufmerksamkeit wert; namentlich ein trapezförmiger Bergklotz fällt aus in der Richtung des heutigen Spilia.

 

Larissa: Die Brücke über den Peneios

 

Nun erscheint auf einmal auch Larissa, das, erst seit dem Jahre 1881 den Griechen zu rückgegeben, mit seinen seltsam in die Luft aufragenden spitzen Minarets äußerlich noch ganz den Eindruck einer Türkenstadt macht. Im Innern freilich, das sahen wir, nachdem wir den staubigen Weg vom Bahnhof in die Stadt zu Fuß zurückgelegt hatten, weil die Kutscher denn doch gar zu unverschämte Preise forderten, bald, ringt das neu aufstrebende Griechentum mit stets größerem Erfolg das deutlich den hippokratischen Zug verratende türkische Wesen nieder. Von den vielen dem Verfall preisgegebenen Moscheen ist kaum noch eine für die mehr und mehr nach Makedonien und Kleinasien auswandernden türkischen Familien benutzbar, und mitten in dem barackenartigen türkischen Viertel erheben sich hie und da ganz hübsche griechische Neubauten.

Nachdem wir uns in unserm Hotel, dessen Vielstöckigkeit mit seinem Komfort nicht gerade in gleichem Verhältnis stand, eingerichtet, galt unser erster Gang dem Museum, das einige interessante Reliefs, unter denen auch der bekannte thessalische Reiter nicht fehlte, sowie eine Reihe von Grabsteinen und Inschriften enthält. Es ist teils im Gymnasium, teils in einem scheunenartigen Bau in dessen Nähe untergebracht, und ein Blick in die Klassenzimmer ließ uns erkennen, daß die Wandkarten alle nach Κίπερτ entworfen waren. Dann gingen wir durch die bazarartigen, holprigen und schmutzigen, übrigens sehr belebten Gassen zum Peneios. Sonderbar war unterwegs der Anblick der Pferde, die in großen zusammengenähten Kuhhäuten Wasser vom Flusse herbeischleppten. Unser Weg führte uns gerade auf die Peneiosbrücke zu; schmutzig grau wälzt der Fluß seine raschen Fluten unter den Steinbogen hindurch, ein Beweis von der Schwere und Fruchtbarkeit des Bodens, den er durch eilt. Links diesseits auf dem Hochufer des Flusses steht eine Moschee mit vielen eingebauten Säulentrommeln und sonstigen Architekturstücken, auch Reliefs und Inschriften fanden wir dort eingemauert, lauter sichere Zeichen, daß hier die Stelle eines alten Heiligtums ist. Rechts von der Straße drängen sich auf der einzigen Bodenerhebung, die das Stadtgebiet aufweist, die Häuser malerisch zusammen, so daß man den Eindruck gewinnt, daß hier die alte stark befestigte Akropolis gelegen haben müsse.

Nachdem wir die Brücke überschritten, die zu einem auf dem linken Ufer gelegenen Vorort führt, biegen wir rechts in eine parkartige Promenade ein, wo im Musikpavillon des Kaffeehaues eine Damenkapelle konzertierte, die uns jedoch nicht zu fesseln vermochte. Wir kehrten vielmehr mit Sonnenuntergang durch die von einem bunten Völkergemisch und vielen Bettlern belebten Straßen zu unserm Hotel zurück; das Abendessen nahmen wir in einem alten türkischen Hause ein, das wir mit dem stolzen Namen „Serail des Paschas“ tauften.

Werfen wir am Abend dieses Tages noch kurz einen Blick zurück in die Vergangenheit von Larissa. Schon durch seine Lage in der Mitte der fruchtbaren untern thessalischen Ebene, an der Stelle, wo der Hauptstrom des ganzen Landes aus der östlichen Richtung in die nördliche übergeht, erscheint Larissa von jeher zur Landeshauptstadt ausersehen. Schon der Name, welcher einfach „die Burg“ bedeutet und bei pelasgischen Gründungen öfter wiederkehrt (wie in Argos), weist auf die Bedeutung hin, welche die Stadt schon in mythischer Zeit gehabt haben muß. In historischer Zeit herrschte hier das mächtige Fürstengeschlecht der Aleuaden, das seinen Stammbaum auf Herakles zurückführte. Auf Aleuas, der vom delphischen Orakel in die Königswürde eingesetzt worden war, wird auch die alte politische Einteilung des Landes in vier Tetraden zurückgeführt, die jedoch aus der natürlichen Beschaffenheit desselben sich von selbst ergab (Phthiotis, Thessaliotis, Hestiäotis und Pelasgiotis). Der Einfluß der Aleuaden war in Thessalien so groß, daß sie Herodot schlechtweg Könige von Thessalien nannte. An ihrem glänzenden Hoflager in Larissa, wo namentlich auch der Rennsport, zu dem die Natur des Landes auffordert, eifrig gepflegt wurde, fanden die hervorragendsten Geister Griechenlands willige Aufnahme und Unterstützung, und höchstens die Magnatenfamilie der Skopaden in Krannon konnte sich ihnen zur Seite stellen. Aber wenn auch aus ihrer Mitte in Kriegszeiten meistens der oberste Feldhauptmann, der ταγός gewählt wurde, so war ihre Landesherrschaft weder eine unbedingte noch erbliche. Um dies Ziel ihrer Wünsche zu erreichen, knüpften sie in den Perserkriegen mit Xerxes an, und Thorax, des Aleuas Sohn, der Freund Pindars, war der erste der Hellenen, der dem Perserkönige freiwillig seine Huldigung brachte und dies unberufenerweise im Namen aller Thessalier that. Aber auch nach der Niederlage des Königs bei Salamis fand Mardonios in den Aleuaden eifrige Förderer seiner Pläne. Ihr maßgebender Einfluß wurde erst unter Jason von Pherä gebrochen, als es diesem im Jahre 374 gelang, die Würde des Tagos für sich und sein Haus zu gewinnen. Dennoch blieben, als Jasons Pläne gescheitert waren, als die Makedonier in Thessalien festen Fuß faßten und durch Philipp lI. makedonische Befehlshaber über die vier Tetrarchien gesetzt wurden, die Aleuaden in Larissa das angesehenste Herrengeschlecht. Nach der Schlacht bei Kynoskephalä ward Thessalien wie Griechenland von den Römern für unabhängig erklärt; Larissa blieb die Hauptstadt, wo der Bundesrat, das κοινόν, mit einem Strategen an der Spitze seinen Sitz hatte.