Paul Brandt
1861 - 1932
Von Athen zum Tempethal.Reiseerinnerungen aus Griechenland
1894
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13. Volo, Demetrias und Jolkos.
So erwachen wir denn am nächsten Morgen mit dem erhebenden Bewußtsein, nun auch einen der ältesten Brennpunkte griechischer Kultur betreten zu dürfen. Leicht vollzieht sich diesmal die Ausschiffung, und in dem vortrefflichen Hôtel de France finden wir so gute Unterkunft, wie wir sie in Griechenland nur in Korfu und Athen gehabt haben. Auch die sehnlich erwarteten Briefe aus der Heimat sind da, und mancher zieht es vor, den Vormittag der Korrespondenz zu widmen, als mit uns das alte Demetrias aufzusuchen.Die aufblühende Stadt Volo selbst, die am Ufersaum sich hinziehend mehrere breite und einförmige Parallelstraßen aufweist, bietet außer dem Kastro, der kleinen von weißen Mauern umgebenen, an die Türkenherrschaft erinnernden Festung, nichts Bemerkenswertes. Ursprünglich nur die Skala, d. h. die Landungsstelle für das ¾ Stunden landeinwärts gelegene gleichnamige Dorf, hat es sich erst in diesem Jahrhundert zu immer größerer Bedeutung aufgeschwungen. Im innersten Winkel dieses großen Seebeckens gelegen und jetzt durch die Eisenbahn mit den Hauptcentren der beiden thessalischen Ebenen, Larissa und Trikkala, verbunden, vermittelt es den Seeverkehr fast des gesamten Thessaliens und hat gewissermaßen die Erbschaft der drei antiken Seestädte angetreten, die nacheinander hier geblüht haben, Jolkos, Pagasä und Demetrias.Vereinigt doch der von allen Seiten durch hohe Gebirge geschützte Golf und namentlich seine nördlichste Einbuchtung alle Vorzüge, welche zu einer frühen Entwickelung der Schiffahrt führen mußten, leichte Zugänglichkeit von der See wie vom Lande, Sicherheit vor Stürmen und eine zur Ansiedelung lockende Umgebung. „Betrachtet man den ganzen herrlichen Golf und seine stille, innerste Kammer,“ sagt ein Geograph, „so kann man sich der Überzeugung nicht verschließen, daß die natürlichen Vorzüge dieses Gewässers den ersten Regungen des Triebes zur Seefahrt besonders freundlich und zu immer weiterm Fortschritt ermutigend entgegen kamen: an Jolkos knüpfen sich die Sagen von den ersten größern nautischen Unternehmungen des griechischen Volkes.“Auch uns trieb es, diesen Überblick über den herrlichen Golf von einem erhöhten Standpunkte aus zu gewinnen, und kein Punkt konnte für diesen Zweck geeigneter sein als gerade die Stätte des alten Demetrias, der ureigenen Schöpfung des größten antiken Belagerungsingenieurs, des Demetrios Poliorketes. Dies ist das Ziel unseres Ausflugs am Vormittag. An der Küste in südöstlicher Richtung entlang kommen wir durch einen schönen, aber jungen Ölwald zunächst an ein durch Dämme beiderseits eingefaßtes leeres Flußbett, bestimmt, die Gebirgswasser aus einer sich hoch am Pelion hinausziehenden Schlucht zum Meere zu leiten. Um dieselben für den ringsum sorgfältig gepflegten Ackerbau völlig unschädlich zu machen, war das Flußbett ausgemauert und mit ausgerundeten Absätzen versehen, welche das Wasser zu einem kaskadenartigen Absturz zwingen und so seine zerstörende Kraft brechen.Dann erstiegen wir eine kahle, felsige Höhe, welche, einen Vorhügel zur See vorschiebend, sich 210m über dem Spiegel derselben erhebt. Diesen Punkt hatte sich Demetrios für seine Zwingburg ausersehen, die später eine beliebte Residenz der makedonischen Könige wurde und bis zur Schlacht bei Pydna in deren fast ununterbrochenem Besitz blieb. Die etwa drei Schritt breiten Mauern, die regulären Quaderbau aus dem an Ort und Stelle gebrochenen schieferartigen Kalkstein zeigen, sind stellenweise noch sehr schön erhalten, namentlich auf einem über den westlichen Teil der Burghöhe laufenden Felsgrat, der beiderseits jäh abfallend die Stadt hier uneinnehmbar machte und unsre bei der Westmauer von Theben angestellten Beobachtungen vollauf bestätigte. Auf der Stelle, wo ehemals die kleine Citadelle sich befand, steht jetzt eine im Bau stecken gebliebene Kirche, der eine an einem Baum aufgehängte alte Eisenbahnschiene als Glocke dient; in der Nähe finden sich mehrere tief in den Fels eingearbeitete Behälter, zwei runde flaschenförmige und eine viereckige Cisterne.Auch nach dem Meere zu, den Ostabhang des Berges hinab, waren die Mauern erkennbar, die vom Burghügel aus wie zwei Arme sich ausbreitend ein ansehnliches Stadtgebiet umfaßten. Zu seiner Bevölkerung hatten, wie das in alten Zeiten z. B. bei der Gründung von Megalopolis und Messene, oft geschah, die umliegenden Städte und Ortschaften ihre Einwohner abgeben müssen.Eine dieser Städte war das alte Pagasä, dessen Stelle wir von unserm Standort, der uns den herrlichsten Rundblick auf den ganzen Golf, auf Stadt und Hafen und rückwärts aus die Abhänge des Pelion bot, deutlich erkennen konnten. Pagasä lag jenseits der tief einschneidenden Bucht, Demetrias gerade gegenüber, wir erkannten den Burghügel, dessen Mauern noch gut erhalten sein sollen. In historischer Zeit hat Pagasä die Erbschaft des in mythischer Zeit blühenden Jolkos angetreten, bis es seinerseits durch Demetrias abgelöst wurde. Erst unter römischer Herrschaft gelangte es als Hafenplatz von Pherä wieder zu größerer Bedeutung.Jolkos selbst oder vielmehr den vom Pelion vorgeschobenen, nach der Ebene zu in einen steilen Bergkegel auslaufenden Hügelrücken, der sich nördlich von Demetrias erhebt, besuchten wir auf dem Rückwege. Reste von Mauern scheinen nicht erhalten zu sein. Die Bergkuppe trägt eine Kapelle und auf einem viereckigen Unterbau, von einem Eisengitter eingefaßt, ein Denkmal, dessen Gegenstand uns unbekannt bleibt, da die Zeit gebricht, die Höhe selbst zu erklimmen. Wir umgehen vielmehr den Hügel über den ihn mit dem Pelion verbindenden Sattel und gelangen unmittelbar in das freundliche Dorf Volo, welches ebenso wie Epano‐Volo, „Ober‐Volo“ und andre, in der erwähnten Schlucht zwischen reichem Baumwuchs allerliebst eingebettet liegt, der um so vorteilhafter hervortritt, als sonst an den Abhängen des Pelion von seinen ehemals so berühmten Fichten nicht viel zu sehen ist.Diese am Gebirge staffelförmig sich hinaufziehenden stattlichen Dörfer, deren turmartige Häuser mit ihren weißen Wänden und grauen Schieferdächern türkische Bauart verraten, wirken doppelt erfreulich auf das Auge, das sich an die Entvölkerung und Verödung des griechischen Bodens hat gewöhnen müssen; aber auch landschaftlich bieten sie einen der schönsten Blicke, die Griechenland aufzuweisen hat. In dem Dorfe Volo fällt uns ein von einer riesigen Platane beschatteter, mit Steinplatten belegter und von einer niedrigen Mauer umgebener Platz auf, der wahrscheinlich als Versammlungsort der Gemeinde zu Beratungen und Festen dient.Ein reizendes idyllisches Bild bot sich weiter abwärts: ein Hirtenknabe hatte sich vor der stechenden Sonnenhitze mit seiner Herde in den Schatten einer Platane geflüchtet. Apathisch duckten die enggedrängten Schafe die Köpfe unter, während der Knabe auf seiner Hirtenflöte eine melancholische Weise blies. Durch den Ölwald kehrten wir zur Stadt zurück. Vor derselben liegt ein mehr und mehr der Verwüstung preisgegebener Kirchhof, dessen Grabschriften eine Vorahnung von den Schreibfehlern gaben, welche die von den Griechen so heißgewünschte Einführung der neugriechischen Aussprache auf unsren Gymnasien: im Gefolge haben würde. Da hieß es z. B.: Ἔνθα ἀναπάβοντε (= ἀναπαύονται) Χριστὸς (= Χρηστός) καί —. |
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