BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Brandt

1861 - 1932

 

Von Athen zum Tempethal.

Reiseerinnerungen aus Griechenland

 

1894

 

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12. Von Lamia nach Volo.

 

Am frühen Morgen des andern Tages weckte mich der schönste Sonnenschein und das Klappern eines Storches, der auf dem Giebel eines benachbarten Hauses sein Nest hatte. Um ½ 8 Uhr stiegen wir, von einem dazu kommandierten feinen und weitgereisten Offizier begleitet, auf die Citadelle, die, auf alten Fundamenten ruhend, ein großes Viereck bildet und einen vom Othrysgebirge nach der Ebene vorspringenden Hügel krönt. Auf dem höchsten Punkt steht eine alte, mit vielen Blitzableitern versehene Kaserne, denn jetzt ist ein Pulvermagazin und sonstiger Kriegsvorrat dort untergebracht, zu dessen Schutz ein kleines Wachkommando dient. Die Festungsmauern sind arg zerfallen und bieten Dohlen und Falken willkommene Schlupfwinkel, und dies Stillleben wird nicht gestört durch ein paar alte Kanonen, die ihre Mündungen harmlos trotzig in die freie Natur hinausstrecken.

Je weniger Interesse die Citadelle an sich bietet, um so schöner ist die Aussicht von dort oben. Hinter uns der ganz allmählich ansteigende bewaldete Othrys, dessen höchster Grat, bis zum Jahre 1881 die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland, noch beschneit war, zu unsern Füßen die Thalebene des Spercheios, der sich wie ein Silberband durch das grüne Gefilde schlängelt; uns gegenüber der tiefe Einschnitt zwischen Kallidromos und Öta, durch den wir gestern zu den Thermopylen hinabgestiegen waren. Am Fuße des Kallidromos zeigt die sinterüberdeckte Kruste die Stelle der Thermopylen; an den Kallidromos schließt sich weiterhin nach Osten die, wie schon der Name besagt, langgestreckte Knemis, hinter der sich noch der Chlomos erhebt. Bläulich schimmert im Osten der malische Golf zu uns herüber, dessen Hintergrund die von Euböa vorgeschobene hohe Felsenhalbinsel Lithada bildet. Wenden wir den Blick wieder nach Süden, so überragt den Öta, von dessen Gipfel Herakles im Feuer geläutert zu den Unsterblichen emporstieg, noch die Schneemasse des Kiona, während der Parnaß hinter dem Kallidromos verschwindet. Mächtig präsentiert sich von hier aus auch der Tymphrestos, jetzt Weluchi genannt, der Knotenpunkt des Pindus, von dem nach Nordost der Othrys, nach Südwest Öta und Kallidromos ausgehen.

So tritt uns auch hier wieder, wie schon so oft von andern Aussichtspunkten, vom Ithome, vom Palamidi, der Burg von Nauplia, von Akrokorinthos und von Orchomenos aus, die horizontale und vertikale Gliederung eines großen Teiles von Hellas mit überraschender Klarheit vor Augen, und die bei der ungemeinen Durchsichtigkeit der Luft immer wieder sichtbaren Höhenmarken der Gebirge auch der Nachbarlandschaften sorgen dafür, daß die einzelnen Bilder in wechselseitige Beziehung gesetzt werden und sich so praktisch zu einem Gesamtbilde der griechischen Bodengestaltung vereinigen, dessen Plastik durch keine theoretische Unterweisung erreicht werden kann.

Nach dem Abstieg von der Akropolis wurde noch dem Denkmal des Athanasios Diakos, des Helden von der Alamannabrücke, ein Besuch abgestattet, dann setzten wir uns um ½10 Uhr mit Wagen nach dem drei Stunden entfernten Stylida in Bewegung, der Hafenstadt von Lamia und der ganzen Landschaft Phthiotis. Wiederholt kamen wir durch ganz malerische, nach türkischer Sitte durch Gärten belebte Dörfer, und auch die turmartigen, nach außen fensterlosen Häuser, die sich vereinzelt fanden, erinnern uns an die frühere Türkenherrschaft. Auch hier am Nordufer des malischen Golfs machte sich die schwüle, trübe Sumpfluft unangenehm fühlbar. Bevor wir zu der freundlich am Berg hingelagerten, aber wegen der Fieberluft ungesunden Hafenstadt kamen, sahen wir links am Abhang des Gebirges einen alten Mauerzug mit Turm; es sind die Überreste von Phalara, der antiken Hafenstadt von Lamia. Sie würde heute ihrem Zweck nicht mehr genügen können, da der Golf inzwischen zu weit zurückgetreten ist, und auch Stylida wird in absehbarer Zeit dem gleichen Schicksal nicht entrinnen können. Schon heute ist der Anblick des Hafens ein ziemlich trauriger, er versumpft immer mehr. Weithin ist die See schon von der sogenannten Wasserpest grün überzogen, und die Dampfer sind gezwungen, weit draußen vor Anker zu gehen, so daß das Einschiffen eine lange Zeit erfordert. In dem sonst so stillen Hafen war unsere stattliche Reisegesellschaft eine seltene Erscheinung, und in der am Hafen gelegenen Kneipe war denn auch die Zudringlichkeit der Barkenführer, die sich gegenseitig den fetten Fang streitig machten, so groß, daß selbst unsern an dergleichen Scenen gewöhnten Führern die Geduld riß. Wer sich einen Begriff von der Leidenschaftlichkeit des südlichen Temperaments machen will, brauchte nur die wildstürmischen Gestikulationen und die Flut der mit rasender Behendigkeit hervorsprudelnden Worte dieses aufgeregten Schiffervölkchens zu sehen und zu hören, das sich gegenseitig unterbot, bis zuletzt einer den Zuschlag erhielt, der unsre ganze Gesellschaft mit dem Gepäck für sechs Papierdrachmen, ganze 3 Mark, an Bord des für den Nachmittag erwarteten Dampfers Kriti, Κρήτη, zu bringen versprach. Mit diesem wollten wir Volo, den Haupthafen Thessaliens im innersten Winkel des heute nach ihm benannten Golfs, erreichen. Das Ein‐ und Ausschiffen nahm, weil der Dampfer weit draußen ankerte, etwa eine halbe Stunde in Anspruch und fand mit dem im Süden üblichen Geschrei statt; eine siebente Papierdrachme belohnte den Schiffer dafür, daß er ruhig am Steuer gesessen und Wind und Segel für sich hatte arbeiten lassen.

Um 4 Uhr lichtete die Kriti die Anker; es war ein kleines, aber für griechische Verhältnis se sauberes Schiff. Im schönsten Blau erstrahlte das Meer, und auf dem Verdeck sitzend genossen wir nun in vollen Zügen die frische Seelust und prägten uns noch einmal das ganze an uns vorüberschwebende Landschaftsbild ein. Unser Dampfer steuerte geradeaus auf die Halbinsel Lithada, die pyramidal aus dem Meere auftauchend sich unserm Auge wie eine Insel darstellte. Links auf einem kleinen Hügel an den Abhängen des Otheys erschien das alte Echinos, der phthiotische Grenzort, dessen Mauern vom Schiffe aus deutlich erkennbar sind. Seine Wegnahme bezeichnet Demosthenes in seiner dritten Philippika als eine der Gewaltthaten, welche den Athenern über die Pläne des Königs endlich die Augen öffnen müßten. Das heutige Dörfchen Achino, das den alten Namen fast unverändert bewahrt hat, hat sich mehr in die Ebene hinabgezogen.

Jetzt treten wir in die Straße von Oreos ein: allmählich verschwindet der wieder aufgetauchte Parnaß, während der westliche Gipfel des Kiona noch lange sichtbar bleibt. Links erhebt sich ein kahler, felsiger, von antiken Mauern gekrönter Berg; es ist das im Jahre 302 von Demetrios Poliorketes eingenommene Larissa Kremaste, das „schwebende“ Larissa, von seiner Lage auf steiler Felsenhöhe also genannt. Das Plateau des Berges nimmt die Akropolis ein, und von ihr ziehen sich nach beiden Seiten die vom Schiff aus deutlich sichtbaren Stadtmauern zur See hinab, unten durch eine Quermauer verbunden.

Dann breitet sich, indem wir Oreó Skala, die „Landungsbrücke“ von Oreos, das der Str ße den Namen giebt, passieren, die ganze flache Küste von Euböa zu unsrer Rechten aus, nur durch die scheinbar aus dem Wasser hervortauchenden zahlreichen Bäume markiert; weiterhin das Gestade von Artemision, und endlich werden in schwachen Umrissen die Inseln Skiathos und Peparethos am Horizont sichtbar. Der Kurs des Dampfers hält sich jetzt ziemlich nahe am steilen Nordufer der Straße; wir kommen an mehreren Inseln vorüber, von denen einige von ganz winzigem Umfang, wahre Miniatureilande, von grünem Gebüsch und gelbem Ginster überzogen, ganz allerliebst idyllisch aussehen. Hier wiederholte sich auch die anderwärts beobachtete optische Täuschung, daß die See die aus dem Wasser hervorragenden Steilufer scheinbar unterschneidet, so daß sie wie nach außen überhängend erscheinen.

Schon neigte sich die Sonne dem Untergange zu, und wir hatten eben an der wohlbestellten Table d’hôte Platz genommen, als auf einmal alles auf Deck stürzte; galt es doch, einem der schönsten Naturschauspiele beizuwohnen, der Einfahrt in den pagasäischen Golf. Eben kamen wir an Kap Stavro, dem „Kreuzkap,“ so nahe vorbei, daß man glaubte, das eiserne auf der äußersten Spitze stehende Kreuz, von dem das Kap den Namen hat, mit Händen greifen zu können (ein größeres Holzkreuz befindet sich bergaufwärts darüber); da mit einemmal, indem unser Schiff wendet, schieben sich die mächtigen Bergkulissen, die bisher den Eingang in den Golf maskiert, wie von unsichtbaren Zauberhänden auseinander, und mit einem Schlage öffnet sich der Blick in das gewaltige, einem großen Binnensee vergleichbare, rings von majestätischen Bergen eingeschlossene Becken des Golfs von Volo.

 

Volos um 1900

 

Die Bergmassen im Hintergrund sind das Pelion; aus seinen Fichten ward die Argo gezimmert, die von Jolkos aus zuerst die gefährliche Fahrt ins schwarze Meer und bis zum fernen Kolchis unternahm. Links beherrscht die Einfahrt die in schönen symmetrischen Linien aufsteigende Kappe des Chlomos, dessen tiefes Blau sich von dem glühenden Abendhimmel wundervoll scharf abzeichnete. Und rechts hoch über uns, was ragt aus den den Berg umwallenden Wolken wie ein himmlisches Jerusalem im Schimmer der Abendsonne empor? Es ist Trikeri, ein aus einer Bergkuppe thronendes, eng um sein Kirchlein zusammengedrängtes Dorf, das der Einfahrt in den Golf den Namen der Straße von Trikeri giebt. Von den Buchten zu seinen Füßen segelten die Perser zum Kampf mit der vereinigten griechischen Flotte aus, die ihnen vom flachen Strand von Artemision aus entgegenfuhr.

Aber schnell bricht die Nacht herein und zündet die tausend und abertausend Lichter des südlichen Himmels an, die in der feuchten Seeluft in allen Regenbogenfarben glitzern und helle Lichtstreifen in die spiegelglatten Fluten des stillen Golfs werfen. Zwei Stunden später, und wir werfen in Volo Anker; aber statt uns zu so später Stunde noch auszuschiffen, machen wir von unserm Rechte Gebrauch, über Nacht noch an Bord zu bleiben, wenn der Kapitän vielleicht auch weniger davon erbaut ist.