BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Brandt

1861 - 1932

 

Von Athen zum Tempethal.

Reiseerinnerungen aus Griechenland

 

1894

 

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11. Von Delphi über Salona‐Amphissa nach den Thermopylen und Lamia.

 

Früh am Morgen waren die Pferde gesattelt. Κακὸ χορίο, „ein elendes Nest“, meinte treuherzig der Agogiat, denn er hatte für die Ocha (= 1⅓ Liter) Hafer 40 Leptá bezahlen sollen. Wir aber hatten zum Abschied aus der kastalischen Quelle getrunken, und des Gottes voll, der einst hier mächtig gewaltet, ritten wir in den köstlich frischen Morgen hinein. Nicht lange und es ging, um die großen Kehren der Kunststraße abzukürzen, auf dem alten steinigen Weg nach dem freundlichen und ansehnlichen Flecken Chrysó hinab, in dessen Nähe die alte im ersten heiligen Krieg auf Befehl der Amphiktyonen zerstörte Stadt Krisa lag. Eine links am Wege gelegene Höhe, die den Namen Stephani führt, bietet sich von selbst als Ort der alten Stadt an; Ruinen jedoch sahen wir keine. Unterhalb von Chrysó erreichen wir die Straße, die von dem im herrlichsten Blau schimmernden Golf von Itea nach Salona‐Amphissa hinaufführt. Hatten wir tags zuvor von der Schiste an bis Delphi den Südabhang des Parnassos umzogen, so wenden wir uns jetzt mehr nördlich, um, den Ostabhang des Parnaß zur Rechten, die Ausläufer des noch höhern schneebedeckten Kiona zur Linken, den Amblemapaß zu ersteigen und so den Eingang in die kleine Doris zu gewinnen. Heute gab es keine Altertümer zu besichtigen, aber um so herrlicher war der Ritt durch den prächtigen alten Ölwald und die üppigen Kornfelder dieser gesegneten Ebene.

 

Griechische Kamele

 

Hier begegneten uns auch zum erstenmal Kamele, die den Verkehr vom Hafen von Itea nordwärts mit Salona und weiter mit Lamia vermitteln, und wir hatten große Mühe, unsere zitternden Pferde an den Häckerträgern vorbeizuführen. Daß diese Kamele aber noch heute in Griechenland selbst gezüchtet werden, davon hatten wir am nächsten Tage vor Lamia den Beweis, wo zwei drollige junge Tiere die Karawane begleiteten.

Schon lange zeigte sich unsern Blicken am Ende der fast schnurgraden Straße das prächtig gelegene Salona, das in der offiziellen Sprache jetzt wieder seinen alten Namen Amphissa erhalten hat, im Hintergrund überragt von der die Stelle der alten Akropolis einnehmenden fränkischen Burg, während im Vordergrund freundliche Häuser und grüne Gärten sich anmutig an den sanften Abhängen des Gebirgs hinaufziehen.

 

Salona‐Amphissa

 

Die Wichtigkeit der Lage der Hauptstadt der ozolischen Lokrer im innersten Winkel der fruchtbaren vom Golf von Itea zwischen dem Parnaß und den lokrischen Gebirgen hinaufreichenden Ebene und am Ausgange der von Norden her vom malischen Golf und der Doris nach dem korinthischen Golf und damit zum Peloponnes führenden Pässe, leuchtet ohne weiteres ein, desgleichen aber auch, wie die Amphissäer dazu kamen, sich das seit dem ersten heiligen Kriege mit dem Fluch belegte, ohne natürliche Grenzscheide an das ihrige anstoßende Gebiet von Kirrha anzueignen, ein Frevel, den Äschines ausbeutete, um zu dem verhängnisvollen dritten heiligen Krieg zu hetzen.

Das heutige Städtchen machte einen verhältnismäßig günstigen Eindruck. In einem Kaffeehause erfrischten wir uns mit einer Masticha, einem aus dem Harz des Mastixbaumes destillierten süßen Liqueur, der mit Wasser gemischt ein sehr beliebtes Getränk ist; unterdeß ward ein Eseltreiber gemietet und seinem Tier in einer thönernen Amphora den nötigen Wein sowie sonstige Vorräte für die Mittagsrast aufgeladen. Zuerst benutzen wir noch die in der Thalebene durch herrliche Olivengärten führende große Straße, die wir indes bald verlassen, um einen kürzeren, aber steileren Weg zum Amblemapaß einzuschlagen. Am Ende eines durch die steil abfallenden Felswände und die hohen Schneegipfel des Kiona wildromantischen Thales, in dessen Sohle die Berggewässer tiefe Rinnen eingegraben hatten, erklimmen wir langsam und beschwerlich die Κακὴ σκάλα, die „Teufelstreppe“, einen nur für Saumtiere und Fußgänger praktikabeln, treppenartig gepflasterten und stellenweise in den Fels gehauenen Pfad, der uns hart am Abgrund vorbei zur Paßhöhe emporführt. Der Bergbach kommt uns von dort zwischen dem fichtenbewachsenen Gestein anmutig plätschernd entgegen. Noch unterhalb der Paßhöhe lassen wir uns mitten in einem flachen, in weitem Kreis von Bergen umgebenen Kessel in der Nähe der Quelle Kryoneri, „Kaltwasser“, zur Mittagsrast nieder, während der vorbeirauschende Bach zum erquickenden Bade einlädt, eine Versuchung, der wir jedoch wegen der in der Mittagshitze damit verbundenen Gefahr widerstehen müssen. Dann klettern wir mühsam zur Paßhöhe empor und gewinnen so die am Vormittag verlassene Kunststraße wieder, eine der schönsten und romantischsten, die wir in Griechenland gesehen haben. Hier war uns noch ein letzter Blick auf den korinthischen Golf vergönnt, während wir die Pracht der ihn überragenden nordpeloponnesischen Schneegipfel rückblickend noch längere Zeit genießen konnten.

So traten wir in die kleine Landschaft Doris ein, deren Bewohner zur Zeit der dorischen Wanderung die Dryoper verdrängt hatten, aber ihre Unabhängigkeit mitten zwischen fremden Stämmen nur der moralischen und materiellen Unterstützung ihrer mächtigen Stammesgenossen im Peloponnes verdankten. Es war die reine Schweizerlandschaft. Malerische tannenbekrönte Felsen, tief im Thale rauschende Wasser, die schon dem Oberlaufe des Kephissos zueilen, hoch auf den Berghalden das Geläut der weidenden Ziegenherden. Dann kürzen wir die Kehren der Straße und erreichen gegen Abend am platanenbeschatteten Gebirgsbach das an dessen Eintritt in die Ebene gelegene Chani von Graviá, wo wir für die Nacht sehr notdürftige Unterkunft fanden. Hier steht auch das Denkmal des oben bei Gelegenheit des Löwen von Chäronea genannten Odysseus von Ithaka, der im Jahre 1821 diesen wichtigen Punkt mit 180 Griechen gegen 3000 Türken unter Omer Vriones und Mehemet Pascha verteidigte. In dem abgelegenen Dorf herrschte augenblicklich durch den Bau der Bahn Larissa‐Piräus mehr Leben als gewöhnlich, und zwei Bauunternehmer, Österreicher, die in dem Chani sich eingerichtet hatten, wußten uns allerlei Mordgeschichten von der Bevölkerung der Umgegend zu erzählen.

 

Thermopylen (Edward Dodwell, 1821)

 

 

Erfrischt durch ein Bad im kalten Gebirgsbach, setzte ich am nächsten Morgen mit den Gefährten die Reise nach den Thermopylen fort. Zuerst ging es durch flaches Land. Links fällt uns ein mitten aus der Ebene hervorragender isolierter Hügel auf, der ganz so aussieht, als müßte ihn einst eine alte Stadt gekrönt haben, und richtig entdecken wir auch durch unser Glas schöne polygonale Mauern, in denen Lolling die Reste von Kytinion sieht, das mit Boion, Erineos und Pindos, von denen sich ebenfalls mehr oder weniger bedeutende Reste erhalten haben, die dorische Tetrapolis bildete. Auf einer Brücke überschreiten wir einen der Zuflüsse des obern Kephissos (die Alten ließen denselben vom Parnaß herabkommen), allmählich wird das Terrain, das uns am Abend vorher bis hinüber zum Öta und dem langgestreckten Rücken des Kallidromos wie eine Ebene erschienen war, welliger. Traurige Reste eines Eichenwaldes, in dem mit Beil und Feuer ganz unverantwortlich gehaust worden ist, treiben trotz ihrer Verstümmelung herrliches frisches Grün. Wir sehen die schon weit vorgeschrittenen Arbeiten der Eisenbahn, welche ebenso wie unsre Straße die Einsattelung zwischen Öta und Kallidromos benutzt, um zum malischen Golf und nach Lamia hinabzusteigen. Bis jetzt hatten wir immer noch auf Parnaß und Kiona zurückschauen können, vor der Paßhöhe entschwindet einer nach dem andern unserm Auge, aber sobald wir dieselbe erreicht haben, eröffnet sich auch sofort der Blick auf den Wasserspiegel des malischen Golfs und die Spercheiosebene, die jenseits der Othrys abschließt, an dessen Fuß wie auf Vorposten Lamia mit seiner Akropolis uns entgegenleuchtet. Die Bahn erreicht zur Linken am Abhang des Öta die Straße zur Rechten am Abhang des Kallidromos in mächtigen Kehren die Ebene, wir stürzen uns in der engen Schlucht auf steinigem Wege hinab, um möglichst bald unser nächstes Ziel, die Thermopylen, zu erreichen. Es war dies ohne Zweifel ein Stück des Weges, auf dem einst der Verräter Ephialtes die Perser über das Gebirge in den Rücken der Spartaner führte; auch die Eichen, deren dürres Laub den 1000 Phokern, die den Fußweg hüten sollten, das Herannahen der Perser verriet, fehlten nicht. Überhaupt war die Mannigfaltigkeit, Frische und Üppigkeit der Vegetation hier am wasserreichen Nordabhang des Kallidromos geradezu entzückend. Eichen, Platanen, Blutbuchen, wilde Reben erhoben sich auf dem saftigen, mit weißen Sternblumen übersäten Rasen. Bei einer kühlen Quelle im Schatten mächtiger Platanen machten wir einen Augenblick halt. Herrlich ist von dort der Blick auf die Abhänge des Kallidromos und die noch steileren des Öta, sehr gut übersah man auch die Anschwemmung, mit denen der vom Tymphrestos kommende Spercheios seit Jahrtausenden den malischen Golf zuzuschütten bestrebt ist. Seit dem Altertum hat sich bekanntlich hier die Küste über eine Stunde östlich vorgeschoben, und die vom Kallidromos, jetzt Sarómata, einst unmittelbar in den Golf fallenden Flüßchen Asopos, Melas und Dryas sind jetzt Nebenflüsse des Spercheias geworden. Dadurch hat sich das ganze Gelände, in dem der denkwürdige Kampf stattfand, fast bis zur Unkenntlichkeit verändert, wovon wir uns bald noch näher überzeugen sollten.

Nachdem wir die Ebene erreicht, trabten wir durch hohes Sumpfgebüsch an einem von grimmigen Hunden gehüteten Vlachendorf vorbei ostwärts bis zu einem großen Landgut, bei dessen Verwalter wir für die Mittagsrast gastliche Aufnahme fanden. Sogar ein Sofa stand in den uns angewiesenen Räumen. Aber das Wasser war schlecht, und wir zogen es daher vor, den Wein ungemischt zu trinken. Hier ließen wir unsre Pferde und machten uns um halb 3 Uhr zu Fuß auf den Weg nach den Thermopylen.

Wir kamen zuerst an die Mühle von Zestaro. Da sie durch eine Turbine getrieben wird, die ein starkes Gefälle erfordert, wird das Wasser durch eine von etwa 60 Bogen getragene stattliche Leitung fast eine Viertelstunde vom Gebirge hergeführt. Doch scheint dieselbe nicht alles Wasser aufzufangen. Hinter der Mühle fließt ein lauwarmer mineralischer Bach, der sein Bett rötlich färbt. Es kann daher kein Zweifel sein, daß es der Phoinix ist, der nach Herodot noch in den Asopos mündete. Gern erinnern wir uns hier auf dem dem Andenken des Peleus und Achill geweihten Boden an Phoinix, den väterlichen Freund des Peliden, der mit ihm gen Troja zog. Weiterhin tritt vom Kallidromos her ein ziemlich steil abfallender, wildbewachsener Hügel, der die Ruine einer Kavallerie‐Kaserne trägt, hart an den Dammweg heran, während links sich Sumpfland ausdehnt, dessen Dünste sich in der Mittagsschwüle unangenehm fühlbar machten. Hier also muß in alter Zeit die westliche der beiden Engen gewesen sein, welche nach Herodot beide nur die Breite einer Wagenspur zwischen Meer und Gebirge ließen. Noch diesseits dieser Höhe muß also auch der Asopos ins Meer gemündet sein, und da derselbe nach Ausnahme des Phoinix noch an dem Dorf Anthela vorüberfloß, welches nach Angabe des Herodot (VII 200) zwischen dem Phoinix und den Thermopylen lag, so ist die Stelle von Anthela ebenso wie das Heiligtum der Demeter, wo sich die Amphiktyonen abwechselnd mit Delphi zu versammeln pflegten, auf dem freien Raum zwischen der Phoinixmühle und dem Kasernenhügel anzusetzen.

Diesen Hügel betrachteten wir damals nach Anweisung unseres Bädeker als den Ort, wo sich der letzte Akt jenes heldenmütigen Kampfes abspielte, wohin sich nach des Leonidas Tod die Überbleibsel seiner tapfern Heldenschar zurückzogen, um von allen Seiten umzingelt den letzten verzweifelten Widerstand zu leisten. Dort hätte alsdann auch der steinerne Löwe gestanden, der das Grabmal des Leonidas schmückte. Wohl springt der Hügel am weitsten in das Sumpfland vor, und noch vom Wege nach Lamia aus hob er sich für das Auge am deutlichsten heraus. Dennoch kann ich nach genauer Lesung des Herodot an dieser Annahme nicht mehr festhalten, wie ich später zeigen werde.

An dem Kasernenhügel vorbei gelangt man in die kleine, leichtgewellte und nach dem Gebirge zu ansteigende Ebene, welche zwischen dieser westlichen und der östlichen Enge durch die zurücktretenden Abhänge des Kallidromos gebildet wird. Schon früh künden sich die heißen Quellen an, die, zwei an der Zahl, hart am Fuße des Gebirges, wo Badehäuser sichtbar sind, nahe bei einander hervorbrechen, durch die glänzend weiße Sinterkruste, mit der sie weithin und bis zu einer Tiefe von 4 m die Ebene überzogen haben, so daß auch dadurch das Gelände im Lauf der Zeit nicht unwesentlich verändert worden sein muß. So ist es denn auch kein Wunder, daß von Resten der Mauer, welche die Phoker zum Schutz gegen die feindlichen Thessaler einst hier gezogen und welche im engern Sinne Πύλαι hie ßen, heute keine Spur mehr zu entdecken ist.

Bald erreichen wir die beiden Kanäle, in denen das klare, warme, bläuliche Wasser mit großer Schnelligkeit dem Meere zuströmt. Sie boten Breite und Tiefe genug, um ein bei der drückenden Schwüle doppelt erwünschtes Bad in ihnen zu nehmen. Es bedurfte nur des Beispiels eines entschlossenen Reisegefährten, im Nu waren die Kleider abgeworfen und in dem warmen Wasser hingestreckt ließ fast die ganze Gesellschaft die Wonne dieses in emi nentem Sinne klassischen Naturbades über sich ergehen. Verwundert macht eine Zigeunerbande, lauter braune Gesellen, die mit Weib und Kind samt ihren Reittieren, deren mehrere einen fliegenden Hühnerhof darstellten, uns kurz zuvor begegnet waren, in der Ferne halt, um dem Treiben der Söhne des Nordens zuzusehen. Trotz der Wärme des Wassers frisch gestärkt, hätten wir gern unsre Rekognoszierung weiter ostwärts fortgesetzt; doch die Zeit drängte, und so mußten wir auf den Besuch der östlichen Enge verzichten, hinter welcher im Altertum das Dorf Alpenoi lag und zugleich der Fußpfad, die Anopaia, mündete.

Hinter, d. h. östlich von den Quellen muß nun die phokische Mauer die Enge gesperrt haben, da man, wie Herodot berichtet, auch die heißen Quellen über den Weg leitete, um dem Feinde die Annäherung an die Mauer zu erschweren. Auch bemerkt Herodot (VII 176) ausdrücklich, daß der durch die Mauer gesperrte Eingang, der nur ½ Plethron = etwa 15m breit war, nicht an einer der engsten Stellen gewesen sei, die sich östlich bei Alpenoi, west lich bei Anthela befunden hätten.

Der Verlauf des Kampfes, soweit er für unsre Frage in Betracht kommt, ist nach Herodot nun kurz folgender:

Der persische Kundschafter, der an das Griechenlager heranreitet, sieht von demselben nur den vor dem Thor belegenen Teil, wo die Spartaner, die an diesem Tage gerade die Wache vor der Mauer hatten, teils exercierten, teils, wie es vor einer Schlacht bei ihnen Brauch war, sich das Haar kämmten und schmückten. Er muß also unbehelligt, da man von ihm gar keine Notiz nahm (οὔτε γάρ τις ἐδίωκε ἀλογίης τε ἐνεκύρησε πολλῆς sagt Herodot), an der ersten Enge unter dem Kasernenhügel vorbeigeritten sein und sich Einsicht in das Gelände bis zur phokischen Mauer verschafft haben.

Nach Verlauf von vier Tagen greift Xerxes, der sein Lager bei Trachis am Abhang des Öta hatte, immer wieder vergeblich an. In dieser Zeit muß der erbitterte Kampf in der westlichen Enge am Fuß des Kasernenhügels getobt haben, denn Herodot sagt (VII 223), daß die Griechen in diesen Tagen aus den Thoren der phokischen Mauer heraus bis in die Enge vorgegangen seien. Als dann die Umgehung unter Führung des Ephialtes ihnen kund geworden war, gingen sie in ihrem Todesmut noch weiter als zu Anfang vor in den breiteren Raum des Passes (VII 223 ἐς τὸ εὐρύτερον τοῦ αὐχένος) und kämpften außerhalb, also westlich der Enge (ἔξω τῶν στεινῶν).

Hier fiel Leonidas und im Kampf um seinen Leichnam auch zwei Brüder des Xerxes. Viermal trieben die Spartaner, deren Lanzen meist schon zerbrochen waren, mit den Schwertern die Perser zurück, bis die Meldung einlief, daß die Perser die Umgehung ausgeführt hätten.

Auf diese Nachricht trat eine Wendung des Kampfes ein. Die erschöpften Griechen zogen sich wieder in die Wegenge zurück (VII 225) und nachdem sie die Mauer hinter sich gelassen, berichtet Herodot, setzten sie sich alle mit Ausnahme der Thebaner auf dem Hügel nieder, wo zu Herodots Zeit der steinerne Löwe zu Ehren des Leonidas stand. Dort kämpften Thessalische Küste mit dem Thermopylenpaß sie den letzten Kampfs umzingelt einerseits von den Barbaren, die ihnen vorher gegenübergestanden und die Schutzwehr der Mauer niedergerissen hatten, andrerseits von den über das Gebirge ihnen in den Rücken fallenden. Und wenn Herodot sagt: ὁ δὲ κολωνὸς ἐστὶ ἐν τῆι ἐσόδωι so meint er damit die Gegend, wo die den eigentlichen Durchgang bildende Mauer gezogen war. Hieraus ergiebt sich, daß der Kasernenhügel nicht der Schauplatz des letzten Kampfes gewesen sein kann, sondern daß derselbe weiter östlich hinter der Mauer, also auch hinter den Quellen gelegen haben muß. Leider habe ich, in jener andern Meinung befangen, dem Gelände dort nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt; doch hat Wilhelm Vischer (Erinnerungen und Eindrücke aus Griechenland) östlich von den Quellen, dicht am Abhang des Berges, einen kleinen, mit schönem reichlichen Gebüsch bewachsenen rundlichen Hügel gesehen, in dem er den Löwenhügel vermutet. Wenn also das Gelände sonst derjenige Faktor der geschichtlichen Ereignisse zu sein pflegt, der aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht, so ist gerade dieser Faktor bei den Thermopylen in hohem Grade alteriert worden, und es fällt selbst an Ort und Stelle, jetzt wo das Meer so weit vom Gebirge zurückgetreten ist, schwer, den Eindruck, den diese „Thore“ in alter Zeit gemacht haben müssen, in sich wachzurufen. Aber ist auch heute jede Spur jenes Heldenkampfes geschwunden, er lebt unsterblich fort in der Erinnerung aller Zeiten, und stets wird sich Vaterlandsliebe und Opfermut an den einfachen und doch so hohen, den Kern der Sache treffenden Worten entzünden, die Simonides für das Heldengrab dichtete:

 

Wandrer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest

Hier uns liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl. *)

 

Ein zweites Mal treten die Thermopylen im Jahre 279 v.Chr. in der Geschichte hervor, als die Griechen mit 24000 Mann unter dem Athener Kallippos den Paß gegen mehr als 170000 Gallier unter ihrem Brennus monatelang verteidigten. Es wiederholte sich damals derselbe Vorgang der Umgehung über die Anopaia, nur daß es diesmal den Athenern gelang, mit ihren Schiffen die Umgangenen noch rechtzeitig zu retten. Aber auch am Kampfe selbst nahm die athenische Flotte teil, die jedoch nur mit großer Mühe sich durch das sumpfige Wasser durchzuarbeiten vermochte. In den Perserkriegen war die Stellung für die Griechen auch nur so lange haltbar, als die persische Flotte bei Artemision zurückgehalten war, und gerade die Absicht, eine Kooperation der persischen Land‐ und Seemacht zu verhindern, ließ die Griechen, wie auch Herodot deutlich durchblicken läßt (VII 175), die Stellung bei Artemision wählen.

Zum drittenmal erscheinen die Thermopylen als Kriegsschauplatz im Kampf der Römer mit Antiochus. Mit 10000 Mann hatte dieser im Jahre 191 den Engpaß besetzt, als der Konsul M’. Acilius Glabrio in Epirus landete und nach Thessalien marschierte. Diesmal war es der Legat M. Porcius Cato, der die Umgehung ausführte und die von den Ätolern verteidigten Befestigungen auf dem Kallidromos überrumpelte. Während der Konsul selbst das befestigte Lager des Syrerkönigs von unten angriff, entschied der Legat durch den Angriff vom Gebirge her den Kampf, der mit der völligen Zersprengung der Feinde endete. Nur mit Mühe entkam der König selbst nach Chalkis, während sich 500 Mann nach Demetrias retteten.

Auf dem Rückweg suchten wir in der Phönixmühle unsern Durst mit freilich sehr schlechtem Wasser zu stillen, bestiegen wieder unsre Pferde und setzten unsern Weg nach Lamia fort. Zunächst kamen wir zur Alamannabrücke, unter welcher der Spercheios seine trüben, gelblichen Wogen eilig dem Meere entgegenwälzt. Ihm hatte einst Peleus, der die Thalebene und die Abhänge des Othrys beherrschte, die gelben Locken seines Sohnes Achilleus gelobt, falls er glücklich von Troja zurückkehre (Il. XXIII 144 ff.); er sollte sein Gelübde nicht erfüllen, denn an Patroklos’ Leiche schnitt sich Achill den Schmuck der Locken ab, da ihm jetzt ja doch die Heimkehr verschlossen sei.

Berühmt ist die Alamannabrücke im griechischen Freiheitskampfe geworden durch den Heldentod, welchen der jugendliche Athanasios Diakos und der tapfre Bischof von Salona mit 700 Griechen gegen ein starkes türkisches Heer am 5. Mai 1821 nach tapferer Gegenwehr hier fanden.

Von dort führt die breite Straße schnurgerade durch das Schwemmland des Spercheios auf Lamia zu; über uns ertönte das Geschrei zahlreicher silbergrau glänzender Seemöven, die auch jetzt noch auf ihr altes Gebiet nicht verzichten zu wollen schienen. Die Straße war auf beiden Seiten von wahren Hecken riesiger Akanthusstauden eingefaßt, deren Stengel unsre Agogiaten gelegenlich der Stachelhaut entkleideten und wohlgemut verspeisten. Frei schweifte der Blick hinauf ins Spercheiosthal, dessen Hintergrund die mächtige bis zu 2319m sich erhebende Pyramide des Tymphrestos abschloß, aber immer wieder fiel er auf das mit seiner Citadelle malerisch am Fuß des Othrys gelagerte Lamia, das wir noch zeitig erreichten.

 

Lamia um 1900

 

Lamia ist in der Geschichte hauptsächlich nur bekannt als Mittelpunkt des sogenannten lamischen Krieges 323 und 322, des letzten, auf die Nachricht von Alexanders Tode unternommenen vergeblichen Versuchs der vereinigten Athener und Ätoler, das maledonische Joch abzuschütteln. Noch einmal flammte die Hoffnung in den hellentschen Gemütern auf, den Tag von Chäronea ungeschehen zu machen. Demosthenes, der Verbannte, kehrte, feierlich von Rat und Bürgerschaft empfangen, auf einer Staatstriere von Ägina zurück. Antipater, dem bei Teilung des Reichs mit Krateros zusammen Makedonien und Griechenland zu gefallen war, wird geschlagen und muß sich nach Lamia zurückziehen, wo er belagert wird. Leider fiel dort der tüchtige Oberfeldherr der Athener, Leosthenes, und sein Nachfolger Antiphilos ward 322 bei Krannon in Thessalien von Antipater und Krateros, der bedeutende Verstärkungen herangeholt hatte, geschlagen. Es war das letzte Nachspiel von Chäronea, das die dort gefallene Entscheidung unwiderruflich bestätigte, und jetzt erst, wo ganz Griechenland dem Ἄρης Μακεδών gehörte, war auch kein Platz mehr für den größten und glühendsten Feind der makedonischen Politik, Demosthenes. Jetzt erst war alles verloren, und durch freiwilligen Tod entzieht er sich einer unwürdigen Gefangenschaft.

In alter Zeit muß die Stadt keinen unbedeutenden Umfang gehabt haben, da sie während der langen Belagerung das ganze Heer des Antipater in ihren Mauern aufnahm. Aber auch heute, als Sitz der Nomarchie Phthiotis (die offizielle Sprache läßt mit Vorliebe die alten Namen wieder aufleben), macht sie mit den aus der Türkenzeit stammenden Gärten einen günstigen Eindruck. Ein oberer und ein unterer Marktplatz bilden die Brennpunkte des öffentlichen Lebens, jener für die feinere Welt, dieser für Handel und Verkehr. Wir waren mit unserer Ankunft in Lamia sozusagen wieder in die Civilisation eingetreten und konnten seit Athen zum erstenmal wieder in einem anständigen Gasthause mit reinlichen Betten schlafen, ein wahrer Hochgenuß nach dem Manöverleben der letzten acht Tage. Hier entließen wir auch unsre treuen Agogiaten, die sich auf dem obern Markt, wo wir abends bei einer Tasse Kaffee saßen, unter vielen Händedrücken von jedem von uns verabschiedeten; denn von nun an sollten Wagen, Eisenbahn und Dampfschiff uns weiter befördern.

 

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*) ὦ ξεῖν᾽, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῆιδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι. (Herodot VII 228)

Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentes dum sanctis patriae legibus obsequimur. (Lateinisch von Cicero)