BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Brandt

1861 - 1932

 

Von Athen zum Tempethal.

Reiseerinnerungen aus Griechenland

 

1894

 

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10. Delphi.

 

Welche Schauer der Ehrfurcht mußten einst den gläubigen Hellenen ergreifen, wenn er diese heilige Stätte betrat, wenn er dem Tempel des Apollo nahte, in dessen Allerheiligstem betäubende Dünste dem Boden entstiegen, und der Wille des Gottes sich in den Lauten der in Verzückung versetzten Pythia offenbarte!

Hier in dieser großartigen Gebirgsnatur hatte in uralter Zeit der Kult der schauerlichen Delphi und der Doppelgipfel des Parnaß Erdmutter allein geherrscht, bis durch das Zuwandern anderer Stämme aus dem Norden der Lichtgott Apollo, der Prophet des Zeus, nachdem er, ein hellenischer Siegfried, den giftigen Drachen Pytho erschlagen, als Orakelgott neben und bald über die Erdgöttin trat und den Sieg einer neuen Religion des Geistes über die rohe Naturreligion besiegelte. Und welche Ströme des Segens gingen hier von dem "Nabel", dem Mittelpunkte der Erde, über ganz Griechenland, ja nach allen Enden der bekannten Welt aus! Nicht zweideutige Prophezeiungen, wie die dem Krösus erteilten, waren Hauptaufgabe des Orakels, seine hohe und segensreiche Bedeutung lag auf ganz anderen Gebieten. Am weitgreifendsten war sie in Bezug auf das Kolonialwesen. Hier war das Orakel geradezu centrale Leitstelle, und fast drei Jahrhunderte lang leitete die delphische Priesterschaft mit Umsicht und staunenswerter Kenntnis der Länder und Völker die Aussendung einer Unzahl von Kolonien in das östliche und westliche Becken des Mittelmeeres und nordwärts bis in den entlegenen und gefürchteten Pontos hinein nach einheitlichem, groß angelegtem System.

Weiter aber zwingt uns die großartige Übereinstimmung hohe Achtung ab, welche durch den Einfluß des delphischen Oralels auf dem Gebiete des heiligen Rechts durchdrang. Es entfernt das Rohe, Grausame, Blutige der Naturreligion; es beseitigt die in uralten Anschauungen begründete Blutrache und predigt dem Einzelnen Maß, Besonnenheit und Einkehr in sich selbst! Nichts zu viel! Erkenne dich selbst! Jegliches vorbedacht! So ruft es dem die Vorhalle des Tempels Betretenden zu.

Endlich aber war von höchster Bedeutung das Eingreifen des Orakels in das Verfassungsleben der einzelnen Staaten. Es sanktionierte durch seinen Spruch Verfassungsänderungen, wie die lylurgische, die solonische Gesetzgebung, die kleisthenische Phylenreform; ja in Sparta gab es eine besondere Behörde, welche die Verbindung mit dem delphischen Gott zu unterhalten hatte.

So steht in ältester Zeit bis zu den Perserkriegen das delphische Orakel da als der bedeutendste Ausdruck hellenischer Nationalität und als ihr stärkster Hort und Förderer; ja sein Ansehen reichte über die griechische Welt hinaus nach Ost und West, bis zur lydischen Dynastie der Mermnaden, bis zu den Etruskern und dem später weltbeherrschenden, damals noch unscheinbaren Rom.

 

Delphi: Gesamtansicht

 

So waren auch wir an der geweihten Stätte angelangt. Das erste, was wir sahen, war das Hadesthor, eine in Stein nachgebildete Thür, den Eingang in die Unterwelt darstellend. Aber wie merkwürdig und tröstlich zugleich: die Steinplatte war mitten entzwei geborsten und aus dem Spalt sproßte üppig ein junger Feigenbaum hervor, neues frisches Leben aus der dunkeln Pforte des Todes!

Wenige hundert Schritte weiter, und hier werden wir erst die ganze Großartigieit der delphischen Naturformen gewahr. Der Parnaß stürzt hier in zwei mächtigen Felswänden von fast 400m senkrecht ab, die in einem stumpfen Winkel zusammenstoßen, nur durch einen schmalen, dunklen Spalt getrennt, in dem an Regentagen ein starker Gießbach in mächtigen Kaskaden herabstürzt. Phädriaden, "Glanzfelsen", hießen sie im Altertume, denn sie leuchteten im Abendsonnenglanze den vom korinthischen Golf nach der Orakelstätte Hinaufwallfahrtenden schon von fern entgegen; ja täuschten wir uns nicht, so hatten wir sie schon einige Wochen vorher von einem der herrlichsten Aussichtspunkte Griechenlands, von Akrokorinth aus, schimmern sehen. Die Wasserrinne war heute leer; rechts davon sieht man im Felsboden eine viereckige Einarbeitung; es ist das alte jetzt trockene Bassin, zu dem auf noch sichtbaren Stufen der Pilger zum Bad im kastalischen Quell hinabschritt, ehe er das Heiligtum betrat. Darüber eine größere Nische, in der einst das Bild der Nymphe Kastalia stand. In der nahen Felsenkammer hat sich ein griechischer Heiliger eingenistet, aber der ehemals so heilige Quell, der bei den Römern zum Symbol der Dichterweihe wurde, ist verschüttet und bricht an zwei anderen Stellen ziemlich kümmerlich hervor, um in der großen Papadiaschlucht sein Wasser dem tief unten dem korinthischen Golf zufließenden Pleistos zuzuführen.

Dann stiegen wir von der Schlucht zum Dorfe Kastri empor, das sich auf den Trümmern des heiligen Bezirks angesiedelt hatte und jetzt schon fast ganz dem Spaten der ausgrabenden französischen Schule hat weichen müssen. Erst nach langen Verhandlungen der beiden beteiligten Regierungen behufs Expropriierung der edlen Kastriten haben die Ansgrabungen im Oktober 1892 beginnen können; das neue Kastri wird jetzt schöner und dauerhafter einige hundert Schritt weiter nach Südwesten zu aufgebaut. Der erste bedeutende Fund der neuen Ausgrabungskampague war das metopengeschmückte Schatzhaus der Athener, dem hoffentlich bald neue zahlreiche Entdeckungen folgen werden. Dann wird sich auch Delphi würdig den nun bloßgelegten Heiligtümern von Olympia, Eleusis, Epidauros, Delos u. a. an die Seite stellen dürfen und unsre bisherige Kenntnis dieser hochwichtigen Kultstätten vervollständigen.

 

Apollotempel

 

Wir traten in die alte zum Teil noch trefflich erhaltene Umfassungsmauer des Tempelbezirks durch die antike Thoröffnung ein; überall Marmortrümmer, Säulentrommeln und -kapitelle, bis hinauf an den Fuß der Stützmauer des großen Apollotempels, wo die Franzosen einen ersten Erfolg durch Auffindung der Siegeshalle der Athener zu verzeichnen hatten, auf deren oberster Stufe man jetzt noch in großen vorpersischen Buchstaben die Weihinschrift lesen kann: "Die Athener haben die Halle und die Waffen und die Akroterien als Beute von den Feinden geweiht." (Ἀθηναῖοι ἀνέθεσαν τὴν στοὰν καὶ τὰ ὅπλα καὶ τἀκρωτήρια ἑλόντες τῶν πολεμίων) Es handelt sich wahrscheinlich um den entscheidenden Seesieg über die Ägineten, der die spätere Großmachtstellung Athens erst ermöglichte, und es entspricht nur einer hier im hellenischen Nationalheiligtum doppelt verständlichen Rücksicht, wenn der Name der Besiegten nicht genannt ist. Zierliche ionische Säulen erhoben sich auf drei Stufen und trugen das Dach, welches, anstatt der Akroterien, des sonst üblichen Firstschmuckes, mit den erbeuteten ehernen Schiffsschnäbeln geschmückt, sich unmittelbar an die hohe Stützmauer des Tempels anlehnte. Diese selbst, in einem merkwürdigen Polygonalstil mit gerundeten Anschlußflächen gebaut, ist geglättet und stellt ein förmliches Archiv von Weihinschriften und Freilassungsdiplomen für Sklaven dar, die in ganz kleinen Schriftzeichen die Wand über und über bedecken.

Aber schon längst wurden wir in unsern antiquarischen Betrachtungen durch eine einförmige Weise gestört, die hoch oben von der Mauer zu uns herunterklang, und über die Mauerbrüstung lugte Kopf an Kopf, neugierig die Fremden musternd.

Auch uns faßte die Neugier, wir steigen hinauf; welch malerisches Schauspiel! Ein Choros, ein Reigentanz der Dorfbewohner hier auf der alten Tempelterrasse! Ein Vortänzer, durch ein Taschentuch mit der ersten der Tänzerinnen verbunden, mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt und kaum wagend die Augen zu erheben, tanzte in gemessenem Schritt, mit vielen Wendungen und Gestikulationen die Figuren vor, die von den in langer Reihe sich an den Händen fassenden Mädchen mitgemacht wurden, alle in ihrer bunten albanesischen Tracht mit bullenartigem Goldschmuck auf der Brust, während sich den größe ren Mädchen einige kleinere zur Erlernung des Reigens anschlossen. Dieser drehte sich um einen in der Mitte des Kreises auf einer Hirtenflöte seine eintönige Weise pfeifenden festlich gekleideten Krüppel, dem der Kaffeewirt von Zeit zu Zeit eine Papierdrachme in die Mütze steckte, während rechts an und auf der Mauer die Männer, links auf den Tempelstufen die buntgekleideten Frauen lautlos dem Reigen zusahen, andächtig, als ob es einer heiligen Handlung gelte.

Wohl hatten wir in Megara und Eleusis den durch die Pracht der Kostüme und die eigentümliche Tanzweise berühmten Reigentänzen zugesehen, so malerisch aber war das Gesamtbild nicht gewesen, weil die mit Extrazügen herbeiströmenden athenischen Ausflügler den intimeren dörflichen Charakter des Schauspiels störten, den das entlegene Kastri bewahrt hat.

Nur ungern verließen wir den Tanzplatz, um durch die steilen, winkeligen Gassen des Dorfes steigend die wenigen verschütteten Reste des Theaters, die Quelle Kassotis, die einst den heiligen Lorbeerhain wässerte, und oberhalb des Dorfes das Stadion zu besichtigen, dessen Sitzstufen in den Fels eingehauen sind. Weiter hinauf, da wo der Weg zur korykischen Grotte und auf den Parnaß führt, hatten wir von den Resten der alten Befestigung, die Philomelos im zweiten phokischen Krieg angelegt hatte, noch einen herrlichen Blick auf die grandiose Landschaft: zu unseren Füßen die fruchtbare krissäische Ebene, um die der verhängnisvolle zweite unddritte heilige Krieg entbrannte, dahinter der tief einschneidende Golf von Itea mit den weiß herüberschimmernden Städten Itea und Galaxidi, darüber die Schneehäupter des Peloponnes im Abendglanze, während der Ernst der majestätisch leuchtenden Phädriaden freundlich gemildert wurde durch die sorglich gepflegte Ölwaldung, welche die tiefe Rinne der Papadiaschlucht abwärts bis zum tiefeinschneidenden Pleistos auskleidet.

Dann stiegen wir, an dem Tanzplatz vorbei, wo sich noch einzelne Paare junger Burschen bei einem Kontretanz voll kurioser Wendungen belustigten, zu unserm am Eingang in den alten Tempelbezirk gelegenen Quartier herab, dessen Keller das Museum beherbergt. An wohlbesetzter Tafel wurde heute auch des edeln Fürsten gedacht, dessen hochherzige Fürsorge vielen von uns die Teilnahme an dieser Studienreise ermöglicht hatte, des Großherzogs Friedrich von Baden, und die Absendung eines Danks und Huldigungstelegrammes zu seinem in der fernen Heimat an diesem Tage mit so großer Begeisterung gefeierten vierzigjährigen Regierungsjubiläum beschlossen. Am Abend aber klangen deutsche Weisen zu dem in wunderbarer Reinheit strahlenden Sternenhimmel empor, ein Ausfluß der weihevollen Stimmung, die uns nach den Erlebnissen des Tages an dieser Stätte erfüllte.