BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Paul Brandt

1861 - 1932

 

Von Athen zum Tempethal.

Reiseerinnerungen aus Griechenland

 

1894

 

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9. Von Daulis über Arachova nach Delphi.

 

Schon der frühe Morgen des vierten Reisetages sah uns an den Hängen des Parnaß entlang unserm Reiseziel, Delphi, zureiten, während die Sonne in schrägen Strahlen ihr Licht auf die tief zu unsern Füßen liegende Ebene ergoß, die wir bis hinunter nach Orchomenos überblicken konnten. Reichlich vom Berge niederströmendes Wasser machte den Weg für Fußgänger fast unpassierbar, und in weitem Bogen umkreisten uns unsre wackern Fustanellaträger (Männerrockträger), die Agogiaten (Maultiertreiber), mit elastischem Sprung alle Hindernisse nehmend. Je höher wir stiegen, um so einsamer wurde es, um so mehr trat der alpine Charakter der Gegend hervor.

 

Ödipus erschlägt seinen Vater Laios (römisches Mosaik)

 

Dann noch einen Blick zurück ins Kephissosthal, und hinab gings zur Schiste, dem berühmten rings von hohen Felsen umgebenen Dreiweg, wo Ödipus seinen Vater Laïos, ohne ihn zu kennen. erschlug. Hier scheiden sich die Wege, links nach dem korinthischen Golf, rechts nach Delphi. Laïos nahm mit seinem Maultiergespann und geringem Gefolge von Daulis kommend denselben Weg wie wir nach Delphi; von dort kam an seinem Wanderstab Ödipus ihm entgegen, gewiß aufs tiefste erschüttert von dem grausigen Spruch des Orakels, daß er der Mörder seines Vaters und der Gemahl seiner Mutter werden sollte, und eben deshalb seine vermeintliche Vaterstadt Korinth meidend. Des Vaters und des Sohnes jähzornige Art führen den unseligen Streit herbei, der unendliches Weh über das Haus der Labdakiden bringen sollte, und der den Stoff gab für eine der tiefsinnigsten Tragödien aller Zeiten, für den "König Ödipus" des Sophokles. Auch heute noch entspricht der unheimliche Charakter der einsamen Gegend der Vorstellung, die wir aus der sophokleischen Tragödie von ihr gewinnen; doch ist der enge, aber im Altertum gewiß wohlunterhaltene Fahrweg heute längst ausgewaschen und für Wagen unpassierbar.

Von der Schiste stiegen wir in den tiefen Spalt, der, von Ost nach West verlaufend, den Parnaß von dem scharfen bewaldeten Grat der südlicheren Kirphis trennt, wieder aufwärts. Der Parnaß erhebt sich hier auf der Südseite in senkrechten Felswänden bis hinan in die Wolken, die seine schwindelnden Höhen wie greifbare Schleier umwallen. Hoch in den Lüften kreisen majestätisch die Adler; zwei andere Raubvögel führen über unsern Häuptern ein scharfes Turnier auf, bis der größere dem kleineren seine Beute abgejagt hat; sonst lagert friedliche Sonntagsstille über dem einsamen Thale.

 

Arachowa

 

Nach kurzer Rast in einem Chani verlassen wir die Thalrinne und klimmen am Südhang des Parnaß aufwärts. Bald verrät ein guter Weg und ein sorgfältig angelegter Korinthenbau, hier ermöglicht durch die Verwitterung des fast vertikal anstehenden braunen Thonschiefers, daß wir uns dem 700 m hoch gelegenen betriebsamen Flecken Arachowa nähern: noch eine Windung des Weges, und vor uns liegt, wie durch ein Wunder hingezaubert, die malerisch in Terrassen sich aufbauende Ansiedelung. Von oben grüßt die Kuppel einer neuen Kirche herab, auf halber Höhe steht wie auf Vorposten auf einem Felsen ein einsamer Glockenturm, und überall auf Weg und Steg lauter bunte Gruppen sonntäglich gekleideter Männer, Frauen und Kinder, die uns ganz improvisiert einen wahrhaft königlichen Einzug bereiteten. Hier war es, wo im Jahre 1826 Karaiskakis 5000 Türken unter Mustambey vernichtete und aus den Köpfen der Erschlagenen eine Pyramide aufbaute. Heute lag alles sonnig und friedlich da, und nach der Mittagsrast stiegen wir auf tadelloser Kunststraße in großen Kehren die 100 m herab, um die Delphi tiefer liegt als Arachowa, um dann in ziemlich gleicher Höhe in begreiflicher Spannung diesem ersehnten Ziel zuzustreben. Bald thut sich ein schöner Blick auf nach den nördlichen Randgebirgen des Peloponnes, aus der Tiefe schimmert der Golf von Itea herauf, ehe wir uns des versehen, wird halt gemacht, wir steigen ab, wir sind in Delphi!