BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Karl Grünberg

1892 - 1952

 

Kaiserwetter

 

1931

 

Erster Teil

 

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Der Schüler de Vries

 

Joe war ein unruhiges, träumendes, kindisches und dann wieder ernsthaft altkluges Geschöpf. Klein und mager, mit etwas zu großem Kopf und kurzgebissenen Nägeln, kurzsichtig und mit abstehenden Ohren behaftet. Eine ewig rutschende Stahlbrille auf sehr großer Nase, ein Judenjunge, ein „Miesnick“, keine Schönheit.

Nur in der Musik lebend, wuchs er in seinen einsamen Stunden zu einer Größe auf, die nur ihm bewußt war. Allein abends in dunklem Zimmer phantasierte er von nicht gelebter Freude und nie erreichter Liebe, trauerte um nicht Geborenes, nicht Gewachsenes, tanzte vor fremden Gottheiten, vor märchenhaften Frauengestalten...

Nach solchen Abenden war die Nacht tief und traumlos, der frühe Schulmorgen aber entsetzliche Marter. Schon das Aufstehen war eine Qual. Johanna de Vries mußte drei- oder viermal ins Zimmer kommen, um den immer wieder einschlafenden Jungen wachzurütteln. Joe mußte dann gewaltsam angezogen, gewaltsam an den Frühstückstisch gesetzt werden. Wie im Traum gelangte er in die Parkstraße, auf den Königsworther Platz, lief auf seinen kurzen Beinchen durch die Brühlstraße am Clevertor vorbei in die Goethestraße und kam immer ziemlich abgehetzt knapp vor dem Glockenschlag acht ins Gymnasium.

An der Ecke Clevertor und Goethestraße war ein Briefkasten, der im Leben des kleinen Joe eine Rolle gespielt hatte, als er an einem der ersten Schultage mit seinem Kopf in schmerzhafte Berührung kam. Blutend und ohnmächtig hoben ihn die Passanten auf und brachten ihn auf die Feuerwache zum Verbinden. Damals war Joe knapp sieben Jahre alt. Der Zusammenstoß mit dem Briefkasten bewahrte ihn vor einem halben Jahr Quälerei, denn man brachte den armen Joe nach seiner Genesung gleich in ein Nordseebad zur Erholung.

Am Clevertor war die Realschule mit den rüden und gewalttätigen Schülern dieser für einen Humanisten verabscheuungswürdigen Bildungsanstalt. Joe hatte aber einen Freund dort, Bernhard Tölle, der den armen Joe einmal vor Prügel bewahrt hatte. Diese Freundschaft war seltsam, denn es bestanden gar keine gemeinsamen Interessen zwischen Bernhard und Joe. Auch war der soziale Unterschied zu groß. Briefträgerssohn und Rechtsanwaltssprößling, da gab es eigentlich keine Brücken. Doch war das Zusammensein mit Berni immer erfrischend und vergnügt, ja, ab und zu durfte Berni ins Haus der Eltern kommen, in die schöne Villa in der Parkstraße. Aber Frau Johanna untersagte ihrem Sohn den Gegenbesuch.

Bernhard liebte Musik nur im Viervierteltakt, er war ein begeisterter Anhänger von Militärmärschen und bestimmte auch Joe, den Hohenfriedberger Marsch auswendig zu lernen. S. de Vries mochte Bernhard gern leiden, er gab ihm manchmal einige Zigarren für den „Herrn Papa“. Dieser war stolz auf die vornehme Freundschaft seines Sohnes, und für Mutter Luise bedeutete sie geradezu Triumph und nahe Verwirklichung ihrer Dienstmädchenträume. Sie wünschte nichts sehnlicher, als einmal den Rechtsanwaltssohn in ihrem Hause zu sehen. Eine Stufe zu diesem Glück wurde erreicht, als eines schönen Tages, es war Sonntag, die Familie de Vries mit der Familie Tölle im Kirchröder Turm zusammentraf.

Langsam aus dem Hintergrunde des Kaffeegartens herankommend, wuchsen Vater und Mutter Tölle in den Gesichtskreis der Familie de Vries. Da gab es kein Ausweichen, die Jungens begrüßten sich mit Hallo und Geschrei und die Erwachsenen mit Geziertheit und künstlicher Freude.

„Also... das sind deine Eltern?“ sagte Johanna zu Berni, der in seinem frischgewaschenen Matrosenanzug ihr die Hand reichte und dazu einen Kratzfuß verübte, der geradezu hoffähig war. Während die Jungens sich der Spielwiese zu bewegten, ohne sich um die Verlegenheit der beiderseitigen Eltern zu kümmern, entwickelte sich mühsam eine Art Unterhaltung.

„Na... guten Tag... freut mich sehr, Sie kennenzulernen ... Ganz meinerseits, Herr Doktor. Wie geht es jetzt der Gesundheit Ihres Sohnes? Danke der Nachfrage, besser... ja die Schule... na, wird schon werden. Und Sie, Herr Tölle... haben Sie viel Dienst ... ja, es macht sich... so, so... ja, ja so... jawohl ... natürlich... hm ... Das Wetter ist gut... ja... na. Regen war ja genug... rauchen Sie? danke, sehr liebenswürdig.“

Frau Johanna hatte ein falsches, etwas zu süßes Lächeln aufgesteckt. Ihr war die Begegnung einfach peinlich. Da hinten lorgnettierte Frau Isenstein lebhaft auf die Gruppe, und Johanna glaubte ihr spöttisches Lächeln zu sehen. Dabei war der Briefträger Emanuel Tölle in seiner prächtigen Uniform und überhaupt ein stattlicher Mann. Mutter Luises Blässe war erschreckend, sie hatte bestimmt etwas an der Niere.

Luise konnte sich an dem Foulardkleid der gnädigen Frau kaum satt sehen, ihr eigenes war nur bescheiden, schwarz mit weißen Tupfen. Und der Hut der Frau Rechtsanwalt war riesig groß, das war die letzte Mode, aber nur für die ganz feinen Leute.

Der Garten war gedrängt voll, man mußte sich also beizeiten nach Plätzen umsehen. Wer wollte nun entscheiden, ob die Familien sich zusammensetzen sollten oder nicht? Die Briefträgersgattin war von dem Ereignis der Begegnung derart aus dem Gleichgewicht gebracht, daß die Theorie ihrer Gewandtheit im Verkehr mit den Vornehmen sie gänzlich im Stich ließ. Was nützte ihr im Augenblick die Erfahrung ihrer Dienstmädchenjahre, wo sie doch immer nur bei erstklassigen Herrschaften gedient hatte und daher genau wußte, was sich schickt. So zum Beispiel mußte die Stimme immer etwas Beleidigtes und grundlos Gekränktes an sich haben. Gedehnt und geziert, ablehnend und doch verbindlich. „Tjaaöö ...“ Luise wäre vor Glück gestorben, wenn sie sich mit dem Rechtsanwaltsehepaar an einen Tisch hätte setzen können. Sie seufzte vor quälender Aufregung.

„Na... da wollen wir nicht länger stören“, meinte Emanuel mit männlicher Entschlossenheit. Bierdurst raute ihm die Kehle, und überhaupt fand er es an der Zeit, sich zu verabschieden. Seine Meinung von der vornehmen Welt stand fest. Gott ja, es gab eben Arme und Reiche, aber vor allem gab es Militär und Zivil. Schließlich war ein Rechtsanwalt doch nur ein Zivilist.

Er konnte sich lebhaft ausmalen, was de Vries für ein schlapper Soldat geworden wäre, wenn er gedient hätte. Ja, wenn er gedient hätte! Darüber sprach man am besten nicht. Das Nichtgedienthaben war eine Krüppelhaftigkeit, die man nur mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe zudecken konnte.

Die Familien nahmen Abschied. Familie Tölle ging in den hinteren Garten, wo auch eine kleine Bierbude war, während Johanna in ihrem Foulardkleid der Terrasse zu rauschte. S. de Vries in einem dunkelblauen Anzug, hohem, steifem Kragen und einem kreisrunden Strohhut auf dem Kopfe folgte ihr. Der Schatten der Begegnung drückte etwas auf die Stimmung beider Familien. Dem Rechtsanwalt war es überall zu heiß, eigentlich wollte er auch noch spazierengehen, und bei Tölles lagen dunkle Schatten auf dem Gemüt von Mutter Luise, die keinen rechten Lebensmut mehr hatte. Sie fühlte Schmerzen im Rücken und wußte, daß sie es nicht mehr lange machen würde.

Bernhard stopfte den mitgebrachten Topfkuchen in den Kaffee und war zufrieden. Vater Tölle blinzelte in die Sonne und stellte sich allerhand vor. Joe saß dösend auf seinem Stuhl vor einem Glas Milch, er nahm ab und zu ein paar Schluck und war sehr abwesend. Er hörte Musik, immer spielte ihm eine himmlische Musik auf und beglückte ihn.

Leider auch in der Schule, wo er unter den Lehrern nicht viel Freunde hatte. Er war immer „Pluck“. So nannte man den schlechtesten Schüler, der schandehalber auf der vordersten, also letzten Bank am letzten Platz saß. Joe döste auch in der Schule.

Mit Direktor Fettköter hatte er es ganz verdorben, ja, es hätte kürzlich ein trauriges Ende genommen, Karzer oder, schlimmer noch, Relegation aus der Schule wären ihm sicher gewesen, wenn nicht ein einziger unter den Lehrern, der Knabenlehrer Fritz Jünger, ein Machtwort gesprochen hätte.

„Der Schüler de Vries“, so sagte der Lehrer Jünger, „ist so geartet, daß er für die Tat nicht verantwortlich gemacht werden kann.“ Das kann man nun auffassen, wie man will. Direktor Fettköter beruhigte sich nur, indem er den geistigen Schwachsinn des Schülers de Vries als Tatsache feststellte. Wrampelmeyer aber, der Lateinlehrer, forderte härteste Bestrafung. Er strich seinen langen, zornig abstehenden Bart und schnaubte: „Exemplarische Strafe ... Herausschneiden der Pestbeule...“ und ähnlich fürchterliches Zeug. Der Tatbestand war folgender: Der Schüler de Vries hatte eine Arbeit, ein französisches Extemporale, mit einer Randzeichnung versehen, die unzweideutig die Figur und die Erscheinung des allseitig verehrten Direktors Woldemar Fettköter trug. Fettköter unterrichtete die Klasse im Französischen und mußte mit eigenen Augen in der an und für sich schon fehlerhaften Arbeit des Schülers de Vries am Rande der zweiten Seite, dort, wo er die Fehlerbezeichnungen mit blutig roter Tinte anbringen wollte, sein Konterfei erblicken. Woldemar Fettköter glaubte vom Schlag gerührt zu werden, als er das Heft aufschlug.

Es war in seiner Wohnung am Warmbüchenkamp an einem kalten Winternachmittag. Frau Hermine hatte versprochen, für den Abend Puffer mit Bickbeeren zu backen, schöne knusprige Puffer, das stimmte Woldemar versöhnlich. Aber was wollten die knusprigsten Puffer bedeuten gegen dieses Bubenstück, gegen die Anpöbelung von Seiten des schlechtesten Schülers, des Quintaners de Vries.

Welche Verkennung menschlicher Ehre und Würde lag in dieser Wahnsinnstat!

Der dösende, schreibende Joe hatte in diesem Extemporale eine Zeichnung an den Rand des Schreibheftes gekritzelt. Wäre es irgend etwas gewesen: ein Haus, ein Tier, ein Baum oder vielleicht das Gesicht eines inbrünstig geliebten Musikers (etwa Wagners spitzkinniges Antlitz oder Beethovens Rundstirn mit der eigensinnig-tragischen Unterlippe), es wäre zwar eine grobe Ungehörigkeit gewesen, die härtesten Tadel verdient hätte, aber sie wäre vielleicht entschuldbar gewesen. Aber das dicke, schwammige, stoppelbärtige Gesicht Woldemar Fettköters, des Direktors des königlichen Gymnasiums, im Profil zu zeichnen, es auf ein kurzes, dickes Untergestell zu setzen mit schlotterigten Hosen und krummen Beinen, dies zu tun und es noch dem Porträtierten abzuliefern im Vertrauen auf Gottes Hilfe oder auf einen Zufall, das war Verblendung oder plötzlicher Irrsinn.

Gänzlich unfaßbar war bei diesem kindischen Machwerk, daß auf dem Haupte des Lehrers eine Narrenkappe thronte, mit Liebe gezeichnet, mit kleinen Glöckchen und Tschindara. Sicher erklangen in Joe Papagenoliedchen und heiterste Mozartmusik, daß er sie zeichnete, sicher war er sehr glücklich darüber gewesen, und er lieferte die Arbeit mit dem Bedauern eines Künstlers ab, der sein Kunstwerk nur ungern der Menge überantwortet.

Joe hatte an diesen Streich drei Tage lang nicht mehr gedacht, bis eines Morgens der Direktor plötzlich in die Botanikstunde hereinbrauste, die Fritz Jünger abhielt. Donner und Blitz durchzuckte das Klassenzimmer, Funken stoben um den Kopf des armen Joe, um den das blaue Heft wirbelte. Fettköters Bauch wogte vor seinen erschrockenen Augen, er verstand und begriff nichts, man trampelte auf seinen Ohren herum, marterte seine arme Seele, er war Opfer und nicht Täter.

„Du verläßt sofort die Klasse... nach Hause... du Verbrecher... du Spitzbube... du Lump...!“ So und ähnlich umdonnerte der Zorn des beleidigten Schuloberhauptes den fassungslosen Joe de Vries, der in unstillbares Weinen ausbrach.

Nur dem gütigen Zureden Fritz Jüngers war es zu verdanken, daß Joe bis zum Entscheid der Lehrerkonferenz die Schule weiterbesuchen durfte. Vater de Vries erschien sofort beim Direktor, versprach Strafe und Besserung, und so glätteten sich die Wogen rasch.

Fritz Jünger war und blieb Joes einziger Freund, und dieser seltene Mann verdient näher betrachtet zu werden.