BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Karl Jakob Hirsch

1892 - 1952

 

Kaiserwetter

 

1931

 

Dritter Teil

 

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Abstieg

 

Die Ehre ist ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Gefühle; sie ist sozusagen der Mittelpunkt des Lebens, um sie kreist die tägliche Mühe, die Anspannung und Sehnsucht. Man kennt sie in den höchsten Kreisen besser als in den niederen. Wenn auch zugestanden werden muß, daß auch minderbemittelte Menschen eine Art von Ehre haben, die nicht angetastet werden darf; aber diese Ehre ist robuster, sie kommt nicht so leicht ins Wanken. sie wird mit einem Faustschlag ins Gesicht oder auf den Tisch bekräftigt oder zerstört, aber sie ist in jedem Falle reparierbar.

Nur Menschen, denen Ordnung und Wohlstand gleichgültig sind, können daran zweifeln, daß ein Offizier und ein Beamter mehr Ehre zu beanspruchen haben als ein Arbeiter.

Auch der Rechtsanwalt de Vries war ein Mitglied jener Schicht, in der Ehre und Würde sehr empfindliche und zerbrechliche Güter waren. Ein Rechtsanwalt, der sich auf offener Straße ohrfeigen ließ, ohne ritter­liche Genugtuung erhalten zu können, ein solcher Vertreter deutschen Rechts war gesellschaftlich unmöglich. Und wenn dieser Anwalt dazu ein Bekenner israelitischen Glaubens war, so mußte er noch mehr alles vermeiden, was eine Verunglimpfung seines Standes hervorrufen konn­te...

„Nee... nee... Schwerdtmann... das hätt er wissen müssen, sag ich... noch ein' Kognak, Fritz... hätt er wissen müssen...“

„Aber, Herr Regierungsrat, das kann jedem passieren, und wir in der Anwaltskammer müssen die Sache zudecken.“

„Natürlich, ich bin ganz Ihrer Meinung, Kollege, aber... hätt er wissen müssen... gibt doch genug Weiber... na prost.“

So ungefähr sprach man bei „Mußmann“, bei „Knickmeyer“, im Gericht und in der guten Gesellschaft...

Der Rechtsanwalt de Vries tat das, was alle Leute besserer Stände tun, wenn ihnen etwas Unangenehmes passiert war, er verreiste.

Das konnte Otto Plümeke nicht. Der hatte eine Ehre, die schon etwas lädiert war, und kein Geld.

Er wollte sich scheiden lassen... ja, das wollte er. Aber gute Freunde redeten es ihm wieder aus. Und schließlich war Margarete ja eine Prachtfrau.

War Otto Plümeke ein nachtragender Mensch? Nein, das war er nicht. Und wie man sagte, hatte der Rechtsanwalt dem Plümeke etwas gezahlt, eine Entschädigung... („Was sagen Sie dazu... unerhört... nicht?“)

S. de Vries war nach jenem Ereignis sehr krank geworden. Und als er wieder gesund wurde, hatte er sich auf Reisen begeben. Ohne Frau, aber mit einer neuen Leidenschaft, die viel gefährlicher war als die Liebe einer Margarete Plümeke, auch schädlicher als Schnaps und Wein...

Es war das Morphium, das S. de Vries kennengelernt hatte, als er in den Aufregungen der Tage nach dem unliebsamen Zwischenfall erkrankte. Johanna war ratlos und verweint umhergegangen, und er selbst traute sich nicht auf die Straße. Er hielt keine Sprechstunde mehr ab, las Kursbücher und Reiseführer und überlegte bei all diesem Tun krampfhaft, welche Todesart er für den unaufschiebbaren Selbstmord wählen sollte. Er bekam dann einen Anfall, tobte und schrie, so daß der Sanitätsrat Staffhorst ihm Morphium gab.

Das war der Anfang, nun wußte er Bescheid.

Die Welt war nur erträglich, wenn das Gift in ihm zu wirken begann: Schweben und lächelnde Gleichgültigkeit, ein Flug über alles Kleine, die Glückseligkeit des schöpferischen Augenblicks erfüllte ihn ganz. Wie klein war das alles! Es gab keine Hindernisse mehr, man konnte alles, solange man das Gift in sich hatte. Die höhere Art der Aktivität überfiel ihn, die gelassene, siegreiche, die er niemals vorher gekannt hatte.

S. de Vries verschaffte sich das Morphium durch einen Provisor, den er einmal verteidigt hatte; natürlich mußte er immer erst bitten und betteln, aber es war nur eine Geldfrage. Davison hieß der gütige Giftmischer, und er war so treu, daß er dem Rechtsanwalt das Gift auch in den Badeort schickte, in dem er sich einige Wochen aufhielt, um Gras über die Affäre wachsen zu lassen. Der Rechtsanwalt lebte im Sanatorium und erhielt jede Woche ein unverdächtiges Päckchen „Hildebrand-Schokolade“. Und da er nicht unter ärztlicher Aufsicht stand, fiel es niemandem auf. Nur Joe, der über Sonntag zu Besuch kam, wunderte sich über das lebhafte Wesen des Vaters und über eine Kleinigkeit noch: Der Rechtsanwalt hatte nämlich immer mehr die Gewohnheit angenommen, sich mit dem linken Zeigefinger die Nasenspitze zu streichen, als ob es dort sehr jucke.

Aber Joe war viel zu sehr mit sich beschäftigt, als daß er diese Beobachtung ernst genommen hätte.

Doch eines Abends, es war ein Tag vor seiner Abreise, geschah etwas Seltsames.

Der Rechtsanwalt hatte sich früher als gewöhnlich zu Bett gelegt, da man nachmittags einen Spaziergang gemacht hatte. Es war eine Gesellschaft von fünf Leuten, harmlose, erholungsbedürftige Menschen, die zum Wasserfall pilgerten.

An diesem Abend kam Joe in das Zimmer des Vaters, das in der Etage unter dem seinen lag, und wollte gute Nacht sagen. Da sagte der Vater mit ganz ruhiger, klarer Stimme: „Joe... bringe doch die Pferde aus dem Zimmer...!“ Joe lachte, er glaubte an einen Witz. Aber S. de Vries richtete sich im Bett auf und deutete zur Tür: „Die Pferde... die roten Pferde... hörst du... bring sie doch aus dem Zimmer.“

Joe war sehr verwirrt, daß er nur stammeln konnte: „Ja, gewiß doch, Vater...“ Und dann holte er den Arzt. Aber als dieser zu dem Rechtsanwalt ging und an die Tür klopfte, die abgeschlossen war, hörte er auf sein Klopfen hin: „Was wollen Sie denn, Herr Doktor, lassen Sie mich doch schlafen...!“

Schließlich öffnete der Rechtsanwalt.

„Warum schließen Sie sich denn ein? Das sollten Sie nicht tun“, sagte Dr. Moosburger mit betont liebenswürdigem Lächeln.

„Das kann ich machen, wie ich will...“ De Vries lag wieder im Bett und rieb beständig mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenspitze. Joe stand im Hintergrund des Zimmers. Er sah seinen Vater an, als ob er ein fremder Mensch sei, er roch die Luft des Raumes, sie war dumpf und wie von Chemikalien erfüllt. Er schnupperte...

Der Arzt fühlte den Puls des Rechtsanwalts, dabei sah er sich das Auge an, nahm die Hand wie zufällig und hob das Augenlid hoch.

Er verabschiedete sich von dem Kranken, machte noch im Hinausgehen einige Witze, und der Rechtsanwalt replizierte sehr schlagfertig.

Auf dem Korridor nahm er Joe am Arm.

„Herr de Vries... können Sie nicht Ihre Mutter hierherschicken?“

„Ist es denn ernstlich...?“

„Nein, nur möchte ich nicht, daß Ihr Vater allein bleibt, und eine Frau ist besser als eine Krankenschwester... reden Sie mal zu Hause mit Ihrer Frau Mutter.“

Joe versprach es, und am anderen Morgen fuhr er ab. Sein Vater war noch ganz schlaftrunken, als er sich verabschiedete.

Joe fühlte sich sehr erleichtert, als er den Badeort verließ. Er war böse auf das Geschick, das ihn immer noch mit seinen Eltern verknüpfte. Er überlegte, während er nach Hannover fuhr, wie er sich von diesem Druck befreien könnte.