BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Karl Jakob Hirsch

1892 - 1952

 

Kaiserwetter

 

1931

 

Dritter Teil

 

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Ein Huhn geht spazieren

 

Es mußte sich oft schütteln, denn die Federn hingen voll Stroh...

Es war noch ziemlich kalt an diesem Morgen.

Xaver trampelte durchs Haus, pfiff sich' eins und fluchte.

Gesine hörte man gähnen, und von Wendelkens Kammer kam ein lautes Schnarchen.

Die Sonne machte einen vergeblichen Versuch, durch den Nebel hindurchzukommen, gab es aber bald auf.

In dem großen Saal des Etablissements „Klein-Holland“ standen die Tische und Stühle in wilder Unordnung. Die Tischtücher waren sehr befleckt, und Seen von Wein trockneten auf dem Teppich.

Ein Huhn kam vorsichtig durch die Tür. Es war das beste Legehuhn des Etablissements. Weiß, mit einer dicken Halskrause.

Das Huhnauge blickte ruckweise und furchtsam. Seine harten Krallen klangen gespenstisch auf dem Boden. Tapp... tapp... Ein umgefallener Stuhl bot gute Gelegenheit, Umschau zu halten.

Fein sah das aus! Du lieber Gott!

Das Huhn hüpfte vom Stuhlbein auf den Tisch. Kuchenkrümel schmeckten noch sehr gut, die Flüssigkeit abscheulich. Hier trocknete etwas auf dem Teller. Soße... herrliche Mayonnaise, aber nichts Rechtes für ein Huhn. Viel eher interessierte es sich für das blinkende Ding mitten auf dem Tisch.

Es war ein Perlmutterknopf, ein Hemdenknopf, abgerissen von irgend jemandem ...

Das Huhn schüttelte sich, denn die dicke Tabakswolke beizte in der Huhnnase.

O du lieber Gott, was war das da für ein Qualm!

Aber hier im Kübel war Wasser, kaltes Wasser, sogar Eisstückchen schwammen herum.

Das Huhn trippelte weiter, scharrte hier und da in einem Teller, stand tief im Zigarrendreck und sprang von Tisch zu Tisch.

Am schlimmsten sah es in der Nische aus, in der anscheinend eine größere Gesellschaft gesessen hatte. Da standen fünfzehn große und sechs kleine Flaschen, zum Teil noch halb voll, da waren fettige Teller und sehr beschmutzte Gläser mit Lippenabdrücken und Fingerspuren.

Hier war die Musik-Ecke. Die Tasten des Konzertflügels waren gelblich, zum Teil sahen sie aus wie angerauchter Meerschaum; das Schwarz der Obertasten war grau und abgewetzt.

Es war bestimmt nicht gut gewesen, daß der Maler Raffaelo immer Uhrketten- und Schlüsselringe auf die Saiten legte. Das war eine Manier von ihm, er behauptete, das klänge dann wie ein Orchester. Daß das Instrument unter dem Einfluß von Alkohol, Bier und Wein, die über seine Tasten geflossen waren, besser geworden wäre, konnte man nicht behaupten.

Das Huhn flatterte auf die Saiten, da erklangen sie wie Äolsharfen, aber es fürchtete sich und flog fort, geriet auf den Rand eines Sektkübels, der umfiel und erhebliche Wassermengen von sich gab.

Da flatterte das Huhn wieder auf einen Tisch, pickte und fand Köstliches. Schließlich hob es seinen Schwanz ein wenig in die Höhe, und ein schmutzigweißer Fleck blieb auf einem Teller zurück. Es war gerade der Teller von Joe de Vries, der hier gesessen hatte.

Das Huhn mußte sich anscheinend verirrt haben, denn es wurde immer unruhiger. Draußen war es mittlerweile Tag geworden, aber sehr neblig.

Im Hause hörte man außer dem Schlurfen von Xaver keinen Laut. Das Schnarchen hatte aufgehört und das Gähnen auch.

Nichts hörte man als das Tappen und Flügelschlagen des Huhnes im großen Saal. Hier, da war ein Spalt. Das Huhn kam in ein Zimmer, ein kleines, vollgerauchtes Zimmer. Auch schmutzig und kalt. Auf dem Tisch lag eine Zigarre, halb verkohlt. Die war auf das weiße Tischtuch gelegt worden, unabsichtlich und in Gedanken, und hatte ein schönes braungerändertes Loch in die Leinendecke gebrannt.

Viel Papier lag herum. Briefe, zerrissene Quittungen und sogar ein Schriftstück mit einem Stempel.

Das war etwas Wichtiges, obwohl das Huhn gerade wieder etwas darauf fallen ließ. Es war der Gesellschaftsvertrag zwischen Hermann Wendelken, Gesine Geffken und Moritz Thaler. Anscheinend hatte man gestern abend noch in ihm gelesen, sicher waren einige Personen im Zimmer gewesen, denn die Stühle waren sehr unordentlich gestellt, und Gläser mit vertrockneten Kognakspuren standen auf dem Tisch.

Hier hatten Hermann, Gesine, Tölle und ein Mann namens Emil Pusbock gesessen und die „Sache befingert“.

Wendelken hatte eine Flasche Kognak auf den Tisch gestellt, hatte „So...“ gesagt, die Türe zugemacht und Pusbock mal die verdammte Sache vorgetragen.

So gut es ging, denn Hermann hatte schon eine schwere Zunge und redete ziemliches Kauderwelsch. Dann kam noch Vater Tölle dazu und gab Manneswort und Welterfahrenheit zum besten.

Selbstverständlich hatte der Jude unrecht. „Kiek mal, Hermann... dat is so...“

Pusbock war nämlich Jurist, verkrachter Jurist, was ihn nicht hinderte, in Groß-Sittensen, das zwischen Zeven und Hamburg liegt, zu praktizieren. Er war das, was man Steuerberater und Winkeladvokat nannte.

Pusbock redete viel und lange, viel Juristisches und viel Unnötiges. Aber man hatte den Eindruck, daß die Sache bei Pusbock gut aufgehoben sei.

„Dat... verstößt... wider die guten... Sitten... verstehste... wider die guten...“ Pusbock mußte oft hinaus, kam aber dann um so klarer wieder zurück.

„...wider die guten Sitten. Der Vertrag ist ungültig, un...gül...tig... seg ick man“, und Pusbock nahm den Vertrag, um ihn in seine Brieftasche zu versenken. Aber er steckte das kostbare Dokument daneben, es rutschte auf den Teppich... lag da... und das Huhn gab ihm ein nicht leicht abzuwaschendes Siegel.

Das Huhn geriet auf seiner morgendlichen Wanderung wieder in den Garten, ein Fenster stand offen.

Wäre es nur einige Minuten länger im großen Saal geblieben, hätte es beobachten können, daß Joe de Vries mit angewidertem Gesicht durch den Raum ging. Der guterzogene, saubere Joe ekelte sich vor dem Gestank und Geruch, vor den fauligen Trümmern eines glückhaften Schiffes, das ihn durch viele Stunden hindurch gewiegt und geschaukelt hatte.

Es war nicht richtig gewesen, die zweite Nacht auf Pussi zu rechnen, denn als Joe in seinem Zimmer auf seine Geliebte wartete, hörte er mit Entsetzen, daß ein anderer, er wußte nicht, welcher von den Gästen, die Zimmertür Pussis von innen zuriegelte. Das war gar nicht schön gewesen...

Joe stand angezogen und die Reisetasche in der Hand im Saal. Ob er wohl Frühstück bekommen würde? Es schien nicht so; er ging fort.

Er war in den letzten Tagen und Nächten älter geworden und wußte, daß aus den kleinen Dingen des Schmerzes und der Freude die Kraft wächst, die man braucht, um es ertragen zu können, auf der Welt zu sein.